Wo jetzt Pixels herrschen

Kinowerbung in Gelsenkirchen-Mitte um 1051

Kinogeschichte NRW

„Kino“ ist seit gut hundert Jahren ein Zauberwort für viele und die meisten haben eine Liebesgeschichte mit irgendeinem Vorstadtkino. Auch in der soeben erschienenen Kinogeschichte NRW der Film- und Medienstiftung NRW bezaubern die Erinnerungen von Regisseurinnen und Regisseuren, Filmvorführern und Kino-Betreibern. Ihre Erzählungen gleichen das Übergewicht an Fakten und Zahlen aus, die sich wohl zwangsläufig auftürmen, wenn es gilt, die Geschichte eines weltumspannenden populären Mediums auf eine einzige Region herunterzubrechen. Einerseits braucht eine Edition wie die vorliegende zur Einordnung allgemeine Texte über hinlänglich bekannte Entwicklungen des Kinos von der Schaubude zum Lichtspieltheater, andererseits dürften regionale und lokale (auf Spielorte im Bundesland Nordrhein-Westfalen bezogene) Unterschiede nur jeweils die Akteure am Ort interessieren. Diesen großen Spagat hatte das Redaktionsduo Katharina Blum und Sven von Reden zu leisten in der Auswahl der Beiträge, die insgesamt viel statistische Daten verarbeiten und der Tatsache Rechnung tragen, dass die Historisierung voranschreitet. So kann man dem Band nur wünschen, dass er als Basisinformation aufgeschlagen wird, wenn es um die Lichtspieltheater des Landes geht.

Exemplarisch für das Kinogeschäft in NRW berichtet der Filmjournalist Peter Kremski aus eigener Erfahrung von Krise und Wandel der Branche in seiner Heimatstadt Bochum seit Mitte der 50er Jahre und hat dabei die Umbrüche in der bundesweiten Kino-Landschaft vergleichend im Blick. Nach den Jahren des Kriegs und Mangels zog es die ausgehungerten Menschen vor die großen Leinwände der Filmpaläste, die wie das Union-Theater nicht selten tausend und mehr Plätze boten. Kleiner waren das Roxy und das Prisma, die Stadtteilkinos von Hamme. Das Astoria zwischen der Bochumer Innenstadt und Herne hatte 650 Plätze, Eintritt für Kinder: 50 Pfennige. Am Sonntag lockte das Union-Theater mit Kindervorstellungen, „Dick und Doof“, „Pünktchen und Anton“ und andere Roman-Verfilmungen von Erich Kästner standen neben Publikumsrennern auf dem Programm.

Wir erfahren, dass im Kino-Adressbuch für Bochum 1962 noch 37 Kinos aufgelistet waren. Cinemascope hieß damals die neueste technische Errungenschaft. Gut zehn Jahre später sind von den Kinoeröffnungen der Wirtschaftswunderjahre ganze fünf übrig geblieben. Vier allein an der Fußgängerzone Kortumstrasse, hinzu kam das Bali im Hauptbahnhof.

Der Siegeszug der Fernseher in den BRD-Wohnzimmern hatte den Kinos den Garaus gemacht, in den noch besehenden Häusern wurden mehrere Kinos mit unterschiedlich großen Leinwänden eingerichtet. Letzte bittere Folge waren die Schachtelkinos mit mieser technischer Vorführqualität. Kremski erinnert daran, dass die ersten PAM-Kinos starteten und gleichzeitig in den Vorstädten Programmkinos und Kommunale Kinos wie das Bochumer Kino Endstation im Umfeld von Volkshochschulen und Jugendzentren eröffnet wurden. Filmclubs nicht zu vergessen, etwa den 1966 gegründeten Studienkreis Film an der RUB, der wie Klaus Jägers Düsseldorfer Filmforum eine gewisse Prominenz erlangte.

Filmverleiher wie Hanns Eckelkamp (Atlas-Film) und Walter Kirch spezialisierten sich auf 16mm-Kopien, und boten eine über Jahre erfolgreiche Mischung aus Filmklassikern und tagesaktuellen Filmen wie Ingmar Bergmanns „Das Schweigen“ an. Die Epoche der Kultfilme war angebrochen, in den jahrelang laufenden Vorstellungen von „Rocky Horror Picture Show“, „Diva“, „Das Leben des Brian“ u.a. verwandelte das Kino sich in einen Partyraum.

Über die regulierte Kinowirtschaft der NS-Zeit, jüdischen Kinobesitzern, die zur Aufgabe gezwungen wurden und die propagandistische Ausrichtung der Programme berichtet Ernst Schreckenberg, die Anfänge des Pfennig-Kinos auf Jahrmärkten und seine Entwicklung hin zu den Großen Häusern hat Irene Schoor im Auge, und zum Siegeslauf des Mediums in NRW in Wirtschaftswunderzeiten hat Marion Kranen Fakten zusammengetragen. Reinhard Kleber nimmt sich des Multiplex-Booms der 1990er Jahre an, und die Ablösung des analogen Filmmaterials durch die elektronische Festplatte und die neue technische Ausstattung der Kinos in der Gegenwart zeichnet Sven von Reden nach.

Sieben Kinobetreiber aus Nordrhein-Westfalen zwischen Borgentreich und Köln, Frechen und Bochum, Mettmann und Bochum schildern in Interviews die Höhepunkte und Probleme ihrer Arbeit.

Unterhaltsam lesen sich die Erinnerungen von sieben Film schaffenden Künstlern aus NRW: Jan Bonny, Margarethe von Trotta, Peter Thorwarth, Sarah Winkenstette, Sönke Wortmann, Yasemin Samderelle und Christian Petzold, dessen Initiationsort das Monopol in der Turmpassage Solingen war, ein schmutziges Kleinkino, in dem das Kuratoren-Duo Kunath und Axel Wupper einmal wöchentlich Filmkunst-Reihen zeigte und ihn mit Filmen von Hawks, Melville und Murnau das Sehen lehrte.

(ISBN 978-3-00-070126-9)

In zweiter Auflage ist die vor fünf Jahren erschienene Filmgeschichte NRW nun wieder verfügbar.

(ISBN 978-3-00-070127-6)

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.