Wie der Raum sichtbar wird

Carl Andre 44 Roaring Forties / London 2000 Courtesy Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf / Berlin, Installation Museum Kurhaus Kleve Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf
Carl Andre 44 Roaring Forties / London 2000 Courtesy Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf / Berlin, Installation Museum Kurhaus Kleve Photo: Achim Kukulies, Düsseldorf
Carl Andre – ein halbes Jahrhundert Minimal Art im Museum Kurhaus Kleve
Wie der Raum sichtbar wird
Carl Andre – 15 Jahre musste man hierzulande auf eine Einzelausstellung warten, nun ist es soweit: Das Museum Kurhaus Kleve widmet dem wegweisenden amerikanischen Künstler eine Schau. Man muss also nicht mehr ins texanische Marfa reisen, um an Donald Judds „Specific Objects“ das Wesen der Minimal Art zu erkunden, für vier Monate gewährt uns diese Präsentation am Niederrhein mit Werken von den 1960er Jahren bis heute einen tiefen Einblick in deren Begründers Schaffen. Eine Kunstrichtung kommt in die  Region zurück, in der sie ihre Deutschlandpremieren erlebte: 1968 im Museum Mönchengladbach, 1969 in Düsseldorf und Krefeld, wo Harald Szeemanns legendäre Ausstellung „Vorstellungen nehmen Form an – Live in your head. When Attitudes become Form“ Station machte. „Ein Programm für die Zukunft“ nannte Museumsdirektor Paul Wember die Minimal Art  und sollte Recht behalten. Nur  drängten andere immer schneller aufeinander folgende Kunstströmungen  die amerikanischen Minimalisten für einige Zeit an den Rand der Aufmerksamkeit. Aber nun ist ihre Kunst wieder da zu sein. Sollte etwa angesichts weitverbreiteter spaßig-oberflächlicher Gegenwartskunst der Minimalismus das wachsende Verlangen nach geistiger Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen stillen? Das aktuelle Interesse bedeutender deutscher Museen an puristischen Positionen der amerikanischen Nachkriegsmoderne scheint diese Vermutung zu bestätigen. Lud doch etwa das Museum für Moderne Kunst Frankfurt zur großen Ausstellung „Radical conceptual“,  Carl Andre erhält dieses Frühjahr den höchst dotierten europäischen Kunstpreis der Roswitha-Haftmann-Stiftung, und seine Künstlerkollegen Ad Reinhard und Ellsworth Kelly sind in vieler Munde.
In welchem Maße die postmoderne Konzept- und Aktionskunst ihre Ideen aus dem Minimalismus abzweigte und welche Spur direkt zu Andre führt, lässt sich nicht genau sagen. Sicherlich aber hat der heute 75-Jährige den Begriff der Skulptur revolutioniert, der von sich sagt, er habe begriffen, „dass es meine Berufung ist, die Materialien als Schnitte in den Raum hinein einzusetzen, und nicht , in den Raum meiner Materialien hineinzuschneiden.“ Seine Materialien sind Holz und Metall, industrielle Kunststoffe und  – Wörter. Denn eigentlich wollte der Künstler Dichter werden. Davon zeugen seine Schreibmaschinen-Gedichte, die er nach dem Zufallsprinzip aus vorgefundenen Texten collagiert.  Entindividualisiert – wie auch seine Skulpturen aus weitgehend unbearbeiteten Holzbohlen, Ziegelsteinen, Granitblöcken und Kreidestücken, aus massiven Stahl- und Kupferplatten, die mit urtümlicher Kraft in die Nachkriegsmoderne einschlugen.
Auf den documenta-Ausstellungen 4, 6 und 7 ließen Carl Andres Skulpturen die Besucher staunen, wie auch dieser Tage in Kleve: Welch unvergleichliches Schweben,  wenn man barfuß auf  einer der extrem flachen patinierten Metallplatten steht, die  Andre „Zones“ nennt.  Sie sind rechteckig oder quadratisch, bestehen aus Kupfer, Blei, Aluminium oder Stahl  und liegen Kante an Kante. Seinen „Roads“  im Museum Kurhaus, geraden oder leicht gebogenen Linien setzt, stapelt oder schichtet Andre seine an Riesenbauklötze erinnernden Einzelelemente zur Raumskulptur. Die „Throne“ etwa machen den  umgebenden Raum sichtbar und beziehen ihn so in die Skulptur ein. Der Besucher begibt sich ins Kunstwerk hinein und wird quasi mit seinen Sinneswahrnehmungen ein Teil von ihm.
Museum Kurhaus Kleve  bis 28. August
IRMGARD BERNRIEDER

Carl Andre – ein halbes Jahrhundert Minimal Art im Museum Kurhaus Kleve

Carl Andre – 15 Jahre musste man hierzulande auf eine Einzelausstellung warten, nun ist es soweit: Das Museum Kurhaus Kleve widmet dem wegweisenden amerikanischen Künstler eine Schau. Man muss also nicht mehr ins texanische Marfa reisen, um an Donald Judds „Specific Objects“ das Wesen der Minimal Art zu erkunden, für vier Monate gewährt uns diese Präsentation am Niederrhein mit Werken von den 1960er Jahren bis heute einen tiefen Einblick in deren Begründers Schaffen. Eine Kunstrichtung kommt in die  Region zurück, in der sie ihre Deutschlandpremieren erlebte: 1968 im Museum Mönchengladbach, 1969 in Düsseldorf und Krefeld, wo Harald Szeemanns legendäre Ausstellung „Vorstellungen nehmen Form an – Live in your head. When Attitudes become Form“ Station machte. „Ein Programm für die Zukunft“ nannte Museumsdirektor Paul Wember die Minimal Art  und sollte Recht behalten. Nur  drängten andere immer schneller aufeinander folgende Kunstströmungen  die amerikanischen Minimalisten für einige Zeit an den Rand der Aufmerksamkeit. Aber nun ist ihre Kunst wieder da zu sein. Sollte etwa angesichts weitverbreiteter spaßig-oberflächlicher Gegenwartskunst der Minimalismus das wachsende Verlangen nach geistiger Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen stillen? Das aktuelle Interesse bedeutender deutscher Museen an puristischen Positionen der amerikanischen Nachkriegsmoderne scheint diese Vermutung zu bestätigen. Lud doch etwa das Museum für Moderne Kunst Frankfurt zur großen Ausstellung „Radical conceptual“,  Carl Andre erhält dieses Frühjahr den höchst dotierten europäischen Kunstpreis der Roswitha-Haftmann-Stiftung, und seine Künstlerkollegen Ad Reinhard und Ellsworth Kelly sind in vieler Munde.

In welchem Maße die postmoderne Konzept- und Aktionskunst ihre Ideen aus dem Minimalismus abzweigte und welche Spur direkt zu Andre führt, lässt sich nicht genau sagen. Sicherlich aber hat der heute 75-Jährige den Begriff der Skulptur revolutioniert, der von sich sagt, er habe begriffen, „dass es meine Berufung ist, die Materialien als Schnitte in den Raum hinein einzusetzen, und nicht , in den Raum meiner Materialien hineinzuschneiden.“ Seine Materialien sind Holz und Metall, industrielle Kunststoffe und  – Wörter. Denn eigentlich wollte der Künstler Dichter werden. Davon zeugen seine Schreibmaschinen-Gedichte, die er nach dem Zufallsprinzip aus vorgefundenen Texten collagiert.  Entindividualisiert – wie auch seine Skulpturen aus weitgehend unbearbeiteten Holzbohlen, Ziegelsteinen, Granitblöcken und Kreidestücken, aus massiven Stahl- und Kupferplatten, die mit urtümlicher Kraft in die Nachkriegsmoderne einschlugen.

Auf den documenta-Ausstellungen 4, 6 und 7 ließen Carl Andres Skulpturen die Besucher staunen, wie auch dieser Tage in Kleve: Welch unvergleichliches Schweben,  wenn man barfuß auf  einer der extrem flachen patinierten Metallplatten steht, die  Andre „Zones“ nennt.  Sie sind rechteckig oder quadratisch, bestehen aus Kupfer, Blei, Aluminium oder Stahl  und liegen Kante an Kante. Seinen „Roads“  im Museum Kurhaus, geraden oder leicht gebogenen Linien setzt, stapelt oder schichtet Andre seine an Riesenbauklötze erinnernden Einzelelemente zur Raumskulptur. Die „Throne“ etwa machen den  umgebenden Raum sichtbar und beziehen ihn so in die Skulptur ein. Der Besucher begibt sich ins Kunstwerk hinein und wird quasi mit seinen Sinneswahrnehmungen ein Teil von ihm.

Museum Kurhaus Kleve  bis 28. August

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