„Hing alles an einem Faden“

Milein Cosman (93) eine der letzten überlebenden Jüdinnen aus Düsseldorf erinnert sich an ihre Kindertage am Niederrhein.

 

Den schier endlos sich spannenden niederrheinischen Himmel scheint Milein Cosman mitgenommen zu haben in ihren riesigen wasserblauen Augen, als sie Düsseldorf verlassen musste. Wir schauen der 93jährigen Malerin in die Augen, als sie, fast ein ganzes Leben später, sich für ein paar Tage wieder in der Stadt aufhält. Zur Uraufführung des Dokumentarfilms, den Christoph Bölls ihr widmete, ist sie aus London gekommen, und man sieht der zarten Frau mit der schlohweißen Bubikopf-Frisur an, dass diese Unternehmung – das vertraute Häuschen in Hampstead zu verlassen und sich auf Reisen zu begeben – fast über ihre körperlichen Kräfte geht. Gleichzeitig sprüht ihr Geist und schlägt Funken, wenn sie sich an die Düsseldorfer Jahre bis 1937 erinnert. Kein Detail scheint ihr entfallen zu sein, wenn sie lebhaft, mitunter schmunzelnd davon erzählt.

Sie ist gerade zwölf Jahre alt, als sie erlebt, wie auf einen Schlag die Heiterkeit im gastfreundlichen Elternhaus an der Beethovenstrasse 17 in Düsseldorf erlischt und die Angst einzieht: In der Reichspogromnacht kam ein NS-Sturmtrupp und nahm ihren Vater gefangen. Erst als er vorübergehend interniert wurde, durchzuckte den Unternehmer die Erkenntnis, dass er fliehen musste, um sich und seine Familie zu retten. Vorbei waren die guten Zeiten, in denen die Familie Cosman sich wohl gefühlt hatte in der Stadt und mit vielen Menschen befreundet war. Des Vaters optimistische Prognosen über die Unverträglichkeit zwischen dem politischen Programm der NSDAP-Barbaren und den Prinzipien der „kultivierten“ Deutschen hatten sich nicht bewahrheitet. Aus seinem „noch bis Ostern“ war ein „noch bis Pfingsten“ geworden . . .

Milein Cosmans Augen leuchten, wenn sie von den langen Sonntagswanderungen schwärmt, die sie mit ihrem Vater entlang des Stroms unternahm. „Ich hab’ das geliebt, ich hab es richtig wahnsinnig geliebt!“ sagt sie, und es scheint beinahe, sie begeistert sich noch heute für diese längst vergangenen Freuden. „Das ist meine Kindheit“, der Niederrhein, die Schiffe, die schöne Landschaft, platt wie ein Pfannkuchen! Ich fand das einfach toll, und bin oft auf dem Fahrrad am Rhein entlang geradelt“. Kein Quäntchen Vorwurf schwingt in ihrer Stimme. Bitterkeit ist ihr fremd, allenfalls Spott für die Borniertheit der Menschen klingt an, etwa wenn sie über eine Schul-Sammelaktion berichtet. Sie war sportlich und hatte die Idee, Spenden mit Radschlagen einzusammeln. Dazu zog sie sich einen Schottenrock und dazugehörige Shorts an und erntete von den Passanten auf der Kö viele Klatscher und Münzen. Als Dank erhielt sie aber eine Rüge der Direktorin, wegen unsittlichen Verhaltens. „Nazi-Ziege“ kommentiert Milein Cosman 80 Jahre später. Auch erinnert sie sich einer Nacht- und Nebelaktion ihres sechs Jahre älteren Bruders Cornelius, als die pazifistischen Bücher ihrer Mutter im Rhein versenkt wurden, weil es unabsehbare Folgen zeitigte, wenn die Bände im Cosman-Haus gefunden würden. Mit fünf Freundinnen baute sie ein Zelt hinter einer Gartenlaube auf, und so setzten die Mädchen als Indianerinnen dem BDM-Programm etwas Eigenes entgegen. Sie hielten zusammen, und nach Kriegsende trafen sie sich noch des Öfteren. Heute ist Milein als einzige übrig geblieben.

Der wachsende Antisemitismus im Land bewog Hugo Cosman und seine Ehefrau Leni ihre Tochter 1937 von der Schule zu nehmen und ins Internat der gleichfalls emigrierten Odenwaldschule in die Schweiz zu bringen. Die Cosmans selbst flohen in letzter Sekunde über Holland, wo sie Verwandtschaft hatten, nach England. Ihr Sohn Cornelius studierte in Edinburgh Metallurgie, und Milein besuchte die Londoner Slade School of Fine Arts. „Das hing alles an einem Faden“, sinniert die Greisin, „wir waren gerettet, aber ‚Feinde im Land’.“ Doch das Blatt wendete sich, die Mutter wurde in Oxford angesehene Highschool-Lehrerin für Englisch und Französisch; der Vater, der Düsseldorfer Unternehmer verdingte sich als Gärtner.

Ein halbes Jahrhundert lebt Milein Cosman nun als Künstlerin in London-Hampstead, wo sie mit prominenten Emigranten wie Elias Canetti und Erich Fried. Carlo Schmid lud sie ein, die Mitglieder des ersten deutschen Nachkriegs-Kabinetts zu porträtieren. Dieser Aufforderung leistete sie Folge, nicht aber seinem Wunsch, sie möge in das Land ihrer Kindheit zurückkehren, um ein neues Deutschland aufzubauen. Ihre rückblickende Frage „wer wollte schon in Deutschland bleiben, wenn er meiner Rasse war?“ hat sie sich so nachhaltig beantwortet.

Biografie

Milein Cosman (*1921 in Gotha), wuchs in Düsseldorf auf und emigrierte 1937 zunächst in die Schweiz, später nach England, wo sie seit 1939 in Oxford Kunst studierte und sich als Sprachen- und Kunstlehrerin durchbrachte. 1945 zog sie in den Londoner Stadtteil Hampstead, wo sie bis heute lebt. Sie gilt als Meisterin der Zeichnung von Musikern, vor allem Dirigenten wie Benjamin Britten, Igor Strawinsky und Wilhelm Furtwängler, die sie bei der Arbeit porträtierte. Im Stadtmuseum Düsseldorf gibt es, wie in den bekanntesten britischen Museen Arbeiten von ihr. Sie war bis zu dessen Tod, 1985, mit dem Musiker und Kritiker Hans Keller verheiratet, dessen Bücher sie illustrierte.

Bild: Milein und ihr Vater Hugo im Februar 1931 bei einem Spaziergang am Rhein.

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