Der schwarze Mann im Schrank (Drehbuch-Entwurf)

Mamadou D. fertigt gerade einen Schrank aus Holz. Es ist sein Gesellenstück, sein Trojanisches Pferd, das ihn, so hofft er, in die deutsche Gesellschaft tragen wird.

 

Der junge Mann kam in Guinea auf die Welt. Dort lebte er mehr schlecht als recht und wusste bald, dass er etwas Besseres als den Tod überall finden konnte. Also machte er sich auf wie viele seiner Landsleute, die zwischen Scylla und Charybdis die Wahl haben. Das ungewisse Schicksal in der Fremde barg zumindest ein Körnchen Hoffnung im Vergleich zu den tödlichen Verfolgungen in seiner afrikanischen Heimat. Der junge Mann flüchtete und versucht nun erneut einen Rollenwechsel vom Flüchtling in einen „Setz ling“.

Seinen Standort in der deutschen Gesellschaft soll der Film aufzeigen. In Geschichten, nicht in Analysen wollen wir uns der Wahrheit der Seele nähern.

Entsprechend der vielgesichtigen, verworrenen, komplizierten Lebenssituation von Migranten in unserer Gesellschaft wollen wir uns dem Thema experimentell nähern und eine filmische Collage gestalten. Das Material dieses Collage wird im Weiteren beschrieben. Zunächst kehren wir den Spieß um: Ich erzähle Mamadou von „meinen Flüchtlingen“, werde selbst erkennbar und hoffe so, seine Zunge zu lösen, wenn er von den Menschen hört, die vor ihm diesen Stempel aufgedrückt bekamen.

Flüchtlinge, die meinen Weg kreuzten:

Maria und Josef, zwei buntbemalte Holzfiguren in unserer kleinen Krippe; meine Sandkastenfreundin Renate aus Schlesien, die mit ihrer Familie in Oberbayern gelandet war, wo ihre Sprache und ihr protestantischer Glaube sie zu einem exotischen, ja bedrohlichen Wesen machten; eine Roma, im Zug, kalter Winter, sie nur mit dünnen Fetzen bekleidet, fragt, ob sie mir gegenüber Platz nehmen kann. Ich sage ja bitte, und sie setzt sich. Sie will mit mir reden, aber spricht schlecht Deutsch, und ich kann nicht Rumänisch. Bis heute bereue ich, dass ich sie nicht um ihre Adresse bat, um ihr einen Wintermantel zu schicken; der Fotograf Alfred Bangert, der bei der gleichen Zeitung arbeitete wie ich. Er war mit seinen Eltern aus jenem Teil Polens vertrieben worden, den die Polen für sich beanspruchten, nachdem die Sowjetunion ihrerseits Teile Polens sich einverleibt hatte; auf unseren gemeinsamen Fahrten zu Presseterminen erzählte er mir soviel aus seinem Leben, dass sich daraus zwingend ein Drehbuch ergab, und der Dokumentarfilm „Grauguss“ über den Fremdling, den sein Schicksal zum Sonderling geformt hatte; die Migranten im Asylbewerberheim Moers, denen der Künstler Gautam mehr Bewegungsfreiheit verschaffte, indem er im Heim den Schachclub „König auf der Flucht“ gründete. Die Mitglieder, Asylbewerber aus Kroatien und verschiedenen afrikanischen Ländern, durften zu Schachturnieren fahren, das Verbot, die Stadt zu verlassen, war auf raffinierte Weise umgangen worden; ein Kongolese, der mich regelmäßig in der Redaktion aufsuchte, und mir auf französisch Einzelheiten seiner Flucht berichtete. Später auch vom Prozess seiner Anerkennung als politischer Flüchtling. Er war Prediger gewesen, eine Autoritätsperson, und litt darunter, dass ihm keiner mehr zuhörte. Er trug Gewand aus der Kleiderkammer, das so geschmackvoll zusammengestellt war, das es edel wirkte. Er verachtete die Machthaber, hielt aber die Fahne des Kongo und seine Kultur hoch. Es kränkte ihn, dass Kongolesen in der deutschen Gesellschaft als Bittsteller und Hungerleider wahrgenommen wurden, und so arrangierte er eine kleine Ausstellung mit Kultgegenständen aus der Heimat, die Flüchtlinge mitgebracht hatten.)

Während ich erzähle (und übersetzt wird) ist Mamadou im Bild. Seine Haltung, sein Gesicht, seine Hände, Gesten etc. . Mamadou (einmal ausgeleuchtet, ein andermal als Silhouette) hebt sich vor einem bewegten Bild-Tableau ab, die laufenden Bilder kommentieren meine Reden (techn. Beschreibung siehe unten).

Wenn Mamadou erzählt (deutsch untertitelt), sind die nun näher gerückten wechselnden Bilderkommentare zu lesen.

Geschichten wie: Die Schwarzen untereinander vermieten ihre Pässe; sobald sie einen gültigen Pass haben, vermieten sie den – in Europa können die Grenzer schwarzen Gesichter nicht gut auseinander halten.

X hatte einen nigerianischen Freund, der hatte seinen Pass dreimal vermietet. Und nun ist einer seiner Pass-Mieter in Spanien tödlich verunglückt. Das heißt für den Original-Passinhaber, dass er als tot gilt.

Oder: wie die Traumatas für die meisten Flüchtlinge eine herrliche Gaudi sind, mit der sie ihre weißen Fürsorger an der Nase herum führen können. Sie wissen gut, was man von ihnen hören will. Wie sie diese steife, hohle, in jeder Hinsicht unkreative Gesellschaft für sich benützen – ihre Tricks und Trickkisten sind wundervoll bestückt. Nur Geschichten – keine Analysen. Die Wahrheit der Seele

 

Bildkommentar 1: Clips aus „Grauguss“ (mein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1985 über Heimat)

Bildkommentar 2: Eine Fotografie von Franz Baron Nopcsa zeigt eine Burganlage, Sinnbild der Metapher „Festung Europa“

Dieses Bildmotiv wird verändert, „bearbeitet“, d.h. vergrößert, farblich verfremdet, digital überzeichnet.

Bildkommentar 3: Realitätssplitter in Gestalt von Sekundenclips (Aktualitäten: Bootsflüchtlinge, Flüchtlingscamps, Kirchenasyl, Demos), die nicht nachrichtlich gemeint sind, sondern eine Stimmung erzeugen sollen.

 

„Leitfiguren“ sollen sein: bemalte und nicht bemalte afrikanische Holzskulpturen (mit Zylinder, rot, Bogenschütze, Gedächtnis), die an bestimmten Stellen auftauchen wie „Geister“ (Figuren, Schablonen, Schattenrisse) die kommentierend (in der Art des Botenberichts im klassischen Chor) „sprechen“.

 

Statements:

  1. Professor Ernst Althoff berichtet von seinem Vater, der vor 100 Jahren selbst eine Schreinerlehre abschloss unter gänzlich anderen Bedingungen (keine Maschinen in der Werkstatt).
  1. Einer der Schreinermeister der Werkstatt zeigt Mamadou die afrikanische Holzskulptur und fragt nach afrikanischer Schnitzkultur.

Blicke in die Werkstatt (Aufsicht von der Galerie aus, Details wie die Werkzeugkästen, Holz, Holzgegenstände: Magnetclips etc.)

Dazu aus dem Off die Stimmen von jugendlichen Lehrlingen, biografische Blitzlichter:

Jugendhilfe, früher Erziehungsheim/Anstalt; das sind Heranwachsende, die Hilfe brauchen, sagen die Erwachsenen, weil sie den Anforderungen geistig nicht gewachsen wären; Was sagen die Jugendlichen selbst? „Ausgezählte“ Jungs sagen auf die Frage, was sie denn ohne einen Abschluss machen, wie sie denn leben wollen: Wir hartzen.

Zwei afrikanische Jungs sähen in der Ausbildung, der Schreinerlehre mit Gesellenabschluss eine Chance, sagen die ausbildenden Schreiner. Verwahren? Um von einer Runde in die nächste Runde sozialer Fürsorge und finanzieller Abhängigkeit ihr Leben zu fristen, ohne Aussicht auf Beruf und eigenes Auskommen und „Freiheit“?

Zwei Einstellungen zum Beispiel:

  1. Schrank, Tür öffnet sich, Mamadou steigt heraus (Trick / Überblendung)

Als Loop verwenden.

  1. Afrikanische Figur (Bogenschütze) im Schrank:

Kamera fährt auf die blaue Schranktür zu, durch sie hindurch frontal auf die Figur zu.

(In verfremdeten Farben und überbelichtet auch als Plakat denkbar)

 

Bild: Franz Baron Nopcsa, Burganlage,  hier ein Sinnbild der Metapher „Festung Europa“

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