Von der Bewegung der Blätter

Thomas Schütte eröffnet seine „GARAGE“ mit Photographien von Gino Bühler.

Gino Bühler, Botanischer Garten II Heuchera micrantha (Purpurglöckchen) Düsseldorf 2020

Der weltweit gefragte Künstler Thomas Schütte hat jüngst in seiner Wahlheimatstadt Düsseldorf in einem mäzenatischen Akt die „Garage“ aus dem Boden gestampft: 750 Quadratmeter neuer Spiel-Raum für Kunst. Die temporäre Galerie an der Hüttenstraße, die Kulissen und Bühnenelemente aus der Anna Viebrock-Ausstellung in der Skulpturenhalle 2024 aufnahm, besticht in ihrer schlichten, stimmigen Lichtführung und Raumaufteilung

Aufschlag in den umgenutzten Gewerberäumen hat sein langjähriger Freund Gino Bühler. Der gebürtige Zürcher lebt seit 1969 in Düsseldorf, wo er sich seit 1993 mit Porträt-Photographie auseinandersetzte. Nun fesseln uns seine fünfzehn großformatigen Lichtbildnisse von Pflanzen.

Die Grünflächen, die hierzulande weitgehend unbeachtet unsere Städte wohnlich machen, würdigt Gino Bühler eines zweiten Blicks und schaut mit seiner Kamera den Bodendeckern und Rabatten, Sträuchern und Hecken ins Gesicht: Natur, deren Schönheit ihrer lebenswichtigen Funktion entspricht. „Ein kleiner Teil der Wirklichkeit, tastbar, sichtbar, in welcher die Totalität erkennbar ist“, wie Herman de Vries es ausdrückt, „die Wirklichkeit, die wir immer in ihren Bestandteilen erfahren.“

In der hellen Jahreshälfte zieht es Bühler zur „blauen Stunde“ zwischen Nachtdunkel und Sonnenaufgang hinaus, bei Windstille und klarer Luft drückt er auf den Auslöser. Er arbeitet analog, mit der Planfilmkamera Sinar 8 x10 Inch und hochlichtempfindlichem Fotopapier, verzichtet aber letztendlich auf jene Schärfe, die das Maß vieler Fotografen ist. So scheint er zu betonen, dass es ihm nicht um neuestes technisches Gerät und Material geht, mit denen er der Dingwelt immer spektakulärere Ansichten abringen könnte, sondern um ein Naturphänomen, die Photosynthese nämlich, die uns allen Luft zum Atmen schafft. Bühlers besonderes Augenmerk liegt offenbar auf den sonnenlichtgesteuerten Eigenbewegungen der Pflanzenblätter, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen, die Fotolinse jedoch in langen Belichtungszeiten erfassen kann – als kleine Unschärfe.

Den stundenlangen Belichtungszeiten, die am Anfang der Photographie nötig waren, verdanken wir Totenporträts, während Bühler Unsichtbares sichtbar macht.

Als „Urformen des Lebens“ will Bühler seine photographische Pflanzenbilder verstanden wissen, im Gegensatz zu den „Urformen der Kunst“ des Fotopioniers Karl Blossfeldt, der 1928 die Augen für den Formenreichtum der Botanik öffnete. Im Gegensatz zum pädagogischen Impuls, der Blossfeldt  Pflanzenformen zum Vorbild nehmen ließ, und deren systematischer Erfassung und Vergrößerung als Lehrmaterial für Kunsthandwerker betrieb, nähert sich Bühler der Pflanze in Bewunderung und Zuneigung. Er nennt jede Pflanze, die er fotografiert, bei ihren lateinischen Namen, und erlöst sie aus dem Sammelbegriff des „Grünen“, indem er seine Fotokamera auf sie richtet.

Der Eingang zum neuen Kunst-Ort GARAGE“

Dem Farn, der Funkie, dem Lebensbaum, dem Purpurglöckchen kommt diese ruhige Betrachtungsweise zu Gute, ohne Blüten blühen sie auf in der vielgesichtigen Schönheit ihrer Blattformen.

(Bis 29. März, GARAGE, Hüttenstraße 90, Düsseldorf

Geöffnet Mi. bis So., 14 bis 18 Uhr, außer an Feiertagen)

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