Ausblick nach innen

John Baldessaris Einwurf zum Mythos Bauhaus

Als „radikalen Beitrag zum Bauhaus-Jubiläumsjahr 2009“ kündigte Museumsleiter Dr. Martin Hentschel die von ihm kuratierte aktuelle Ausstellung im Haus Lange an. Das Gebäude an der Wilhelmshofallee wurde nach Plänen Mies van der Rohes errichtet, und dieser wiederum leitete das Bauhaus von 1930 bis zu seiner Schließung 1933. Soweit der nahe liegende Anlass der Ausstellung. Für die reine Lehre des Bauhaus-Gründers Walter Gropius – der aus dem Eindruck der allgemeinen Nachkriegsdepression heraus eine Kunstschule gründete, die nicht akademisch sondern bodenständig und wirklichkeitsnah war und durch Gestaltung die Welt zu verbessern hoffte – steht der Ästhet und Perfektionist van der Rohe indes nicht. Welchen Bauhaus-Ideen spürt John Baldessari in seinem Konzept also nach: den gesellschaftsreformerischen, den sozialreformerischen ? Gropius forderte (in „Grundsätze der Bauhausproduktion“) u.a. die Wechselwirkung von Design und Ethik: „organische Gestaltung der Dinge aus ihrem eigenen gegenwartsgebundenen Gesetz heraus, ohne romantische Beschränkungen und Verspielheiten, Einfachheit im Vielfachen, knappe Ausnutzung von Raum, Stoff, Zeit und Geld.“
Baldessari vernagelt Fensterfronten und erfüllt so seinen alten Vorsatz „Ich will keine langweilige Kunst mehr machen!“ einmal mehr. Er ironisiert jenes von Mies van der Rohe hochgehaltene Ideal der Raumerweiterung durch Fassadenfenster und variable Raumgrößen indem er den gesamten Ausblick verhindert. Die Einbeziehung der umgebende Landschaft gehörte nämlich zu des Vorbilds Vorstellung von modernem Wohnen. Und der Konzeptkünstler macht sich mit poppigem Mobiliar über den gestrengen rechten Winkel der Bauhaus-Jünger lustig.
Was aber waren die Grundideen jenes Experiments namens Bauhaus, das in aller Welt der Nimbus des unerhört Modernen, ja Utopischen umgibt? Ursprünglich war das Bauhaus arm. Es fehlte an Arbeitsmaterialien, an Kleidung, Nahrung und Wohnungen. Seine Studenten gierten nach Neuem, nach Experimenten. Sie bildeten mit ihren Lehrern eine verschworene Gemeinschaft Gleichgesinnter, die voller Idealismus daran ging, nicht weniger als eine neue Gesellschaft zu erfinden. Konventionen warfen sie über Bord und dachten alles von Grund auf neu. Kunst als Selbstzweck war am Bauhaus verpönt. Nicht Luxusgegenstände für Liebhaber sollten produziert werden, sondern schlichte, zweckmäßige, formvollendete Dinge. Architektur und Produktgestaltung sollten auf die Möglichkeiten der Industrie zugeschnitten sein, „Kunst und Technik – eine neue Einheit!“ verkündete Gropius. Und erntete damit in den eigenen Reihen auch Widerspruch: Die Lehrer Georg Muche und Wassily Kandinsky warnten vor einer Vergötzung der Maschinen. Selbst für Esoterik war am jungen Bauhaus Platz: Johannes Itten galt als Guru dieser Strömung.
Mies van der Rohe hingegen lehrte ganz rational und handfest den Einklang räumlicher Gestaltung und Nutzung. Für ihn ist „Architektur eine Sprache mit der Disziplin einer Grammatik.“ Gropius raunt: „Das ziel des bauhauses ist kein ‚stil’, kein system, dogma oder kanon, kein rezept und keine mode! es wird lebendig sein, solange es nicht an der form hängt, sondern hinter der wandelbaren form das fluidum des lebens selbst sucht!“ Die allgemeine Kleinschreibung gehörte übrigens auch zu den Vorschlägen aus dem Bauhaus-Think Tank.
Architekten, Bildhauer und Maler besannen sich auf die handwerkliche Tradition. „. . . es gibt keine „Kunst von Beruf“, scheibt Gropius im Bauhaus-Manifest 1919. Und weiter: „Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“ Mies van der Rohe diskutierte mit seinen Studenten ungern abstrakte Methoden, vielmehr wurden Modelle betrachtet und analysiert. Woran reibt der amerikanische Konzeptkünstler Baldessari sich also? Ist ihm etwa, wie einst den Vertretern der postmodernen Architektur in den 1980er Jahren, das puristische Bauhaus zu dogmatisch?

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