Im Illusionsraum verdampft die Sinnlichkeit

3d
So verzerrt sieht ein „plastischer“ Film aus, wenn der Betrachter die Brille abnimmt. Dioramen funktionierten schon vor hundert Jahren so, und auch allerneueste 3D-Technologie tut nichts anderes, als den linken und den rechten Sehnerv, die im Gehirn erst das plastische Bild erzeugen, zu täuschen.

Wim Wenders’ 3D-Dokumentarfilm PINA – ein Einwurf

Beim Blättere ich in dem eindrucksvollen Bildband „Peter für Pina“ wird mir schlagartig klar, warum mich Wim Wenders’ Film „PINA“ derart enttäuscht. Peter Pabst, der jahrzehntelange Arbeits-Gefährte von Pina Bausch, schuf seine Bühnenbilder für die berühmte Choreografin und Tänzerin im engen Gedankenaustausch mit ihr. Seine Bühnenbilder geben nicht nur die Kulisse für ihre theatralischen Erfindungen, sie sind nicht dekoratives Beiwerk, sondern breiten einen eigenen Kommentar, einen  narrativen Subtext aus. Sie vermitteln Stimmungen und geben Verweise, die den tänzerischen Kontext verstärken. Klappt man die Doppelseiten mit den Fotografien dieser Bühnenbilder auseinander, wird deutlich, dass ihr Schöpfer sie als innere und äußere Landschaften meint.  Ihre sinnliche Stofflichkeit aus den Elementen  Wasser und Erde, ihre Naturszenarien wie Meeresgestade, Wald,  Wiese und Wasserfall, und auch die sparsamen Interieurs: Allesamt sind sie zudem als Mikro- und Makrokosmos zu denken. Tanz, Musikcollage und Bühnenbild als wesentliche Bestandteile der unverwechselbaren, berührenden Bühnenwerke von Pina Bausch.

Auch Wim Wenders verehrte Pina Bausch, wollte seiner Hingabe Gestalt verleihen in seinem Metier, dem Film. Es ist nie dazu gekommen. Nicht zu Lebzeiten der Künstlerin, der ja seit dem „Kuss der Kaiserin“ Film ein vertrautes Medium war, und Videofilm zudem ein wichtiges Element ihrer Inszenierungen.  Es mangelte damals in den 1990er Jahren wohl an einem überzeugenden Konzept . . und auch nach ihrem plötzlichen Ableben, möchte man polemisch behaupten, gibt es keinen gültigen Kinofilm über ihr herausragendes künstlerisches Gesamtwerk. „PINA“ wurde vielfach ausgezeichnet und zog tausende Menschen in die Kinos, was aber vermutlich daran liegt, dass die wenigsten der Kinobesucher jemals eine Aufführung unmittelbar erlebten.

Kurz nach ihrem Tod zaubert Wim Wenders ein Film-Konzept aus der Tasche und begründet den raschen Entschluss mit den neuen künstlerischen Möglichkeiten, die 3D ihm biete. Die neue Technologie ermögliche ihm endlich die adäquate Umsetzung von Pinas Tanzkunst in das Medium Film. Hier beginnt sein Irrtum, denn dass 3D mit Film im klassischen Verständnis so gut wie nichts gemein hat, pfeifen ja nun die Spatzen schon von den Dächern. Er müsste besser wissen: 3D ist nur die synthetische Erweiterung von 2D,  bleibt also doch zweidimensional. Warum also sollte diese Technologie besonders geeignet sein, Sinnlichkeit und Körperlichkeit  der Tanzaufführungen zu vermitteln?

Ohne dem verehrten Regisseur, dessen Filme ich liebe und mehr als einmal gesehen habe, zu nahe treten zu wollen, stellen sich mir zwei zentrale Fragen: 1. Warum diese Hast? Wollte man nicht doch von der Medienaufmerksamkeit profitieren, die durch der Künstlerin plötzlichen Tod herrschte? 2. Warum diese enge Zusammenarbeit mit dem 3-D-Unternehmen, für das Wenders die neue Technologie erprobte und dafür vermutlich Sonderkonditionen eingeräumt bekam. Dass 3D die nötige Technologie sei, die Pinas Kunst vom einen ins andere Medium transponiere, erschließt sich zwingend in keiner einzigen Einstellung. Ganz im Gegenteil verhindert 3D diesen Prozess in meinen Augen. Die Kamera rückt den Tänzern auf den Leib, ohne ihnen emotional nahe zu kommen. Immer schiebt sich die riesige Apparatur zwischen Betrachter und Bühnengeschehen. Sie ist einfach nicht wegzudenken.  Der neu gewonnene räumliche Eindruck zieht die Bühne in die Breite und verkleinert gleichzeitig den Ausschnitt. Die tänzerischen Bewegungen wirken puppenhaft. Die befragten Tänzer wirken wie ausgeschnittene Schablonen oder Talking Heads und besonders ärgerlich sind die Auflösung der Zentralperspektive beim Blick auf die Guckkkasten-Bühne  und die verzerrten Größenverhältnisse. Dagegen nimmt sich Wim Wenders Hang zum Erzählerischen, wo doch ein Dokumentarfilm angestrebt war, als kleines Übel aus.

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