Rekonstruktion

Tymphaia:1939: 1.250 Einwohner, 1965: 85 Einwohner

In seinem ersten Spielfilm „Anaparastasi“ (Rekonstruktion,

Standbild

1969) nimmt Theo Angelopoulos eine Spur aus Zeitungsmeldungen auf: auffallend viele Gattenmorde in seinem Heimatland. Er reist nach Tympheia, einem nordgriechischen Dorf im vorderen Pindos-Gebirge, wo wieder ein Mann umgebracht wurde. Mit der Kamera betrachtet er die Gewalttat von allen Seiten und lenkt den Blick gleichzeitig weit darüber hinaus, auf die Lebensumstände im Dorf. Wir erkennen, dass die sozioökonomischen Verhältnisse des Übels eigentliche Wurzel sind. Mag der Atriden-Mytos auch durchschimmern (Klytaimnestra), so drängen in ruhigen langen Einstellungen die konkrete Trostlosigkeit eines sterbenden Dorfes und die unendliche Traurigkeit der Frauen, die ohne ihre Männer leben müssen, in den Vordergrund. Frauen, Alte und Kinder leben armselig in den Häuschen, aber sie überleben, weil die Männer im fernen Deutschland Geld verdienen.

„Es gibt dort gar keine sozialen Strukturen, denn es gibt auch keine ökonomischen Relationen. Das Dorf lebt ausschließlich von dem Geld, das die griechischen Arbeiter schicken, die nach Deutschland gegangen sind. Für mich ist der Film eine Elegie auf ein Land, das stirbt, weil die Menschen es verlassen. Diese Situation begann im Jahre 1962 mit Subventionen durch die Bundesrepublik, die dafür sorgten, daß die Griechen dorthin ‚auswandern‘ konnten. Damals gab es eine große Diskussion in den griechischen Tageszeitungen, der Rechten wie der Linken. Die Linke sagte, die Emigration sei ein großes Unglück. Die Rechte hielt die Emigration für gut, denn wenn viele Griechen weggehen, bilden sie kein Proletariat. Sie wenden sich dann nicht gegen das Regime.
Die Obristen heute wollen, daß alle Leute weggehen, die gegen das Regime sind. Z.B. sind alle meine Freunde aus Griechenland weggegangen, oder sie sind im Gefängnis. Deswegen habe ich diesen Film für die Leute gemacht, die weggehen. Er ist auch den Griechen gewidmet, die schon fortgegangen sind und die noch fortgehen werden. Daneben gibt es noch einen anderen Grund für den Film: Epiros ist eine Gegend mit einer sehr alten Kultur, die bis in die Antike zurückreicht. Und deswegen ist es besonders traurig und desolat, mitansehen zu müssen, wie in dieser Gegend, in der so viele Menschen gelebt haben, wie die Zivilisation mit den Leuten stirbt, die weggehen.“

(Theo Angelopoulos)

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