„Beschauer eines Leidens“

Josef Bierbichler

Heiner Müller

Josef Bierbichler  liest Heiner Müllers „Prometheus“-Text in der Gebläsehalle / Ruhrtriennale 2012

In diesen verlassenen Tempel der Arbeit, die Gebläsehalle der einstigen Kokerei, von wo die Meidericher Hochöfen angefacht wurden, ist Stille eingekehrt.  Alle Erinnerung an den Höllenlärm, der einst die Arbeiter ertauben ließ, hat sie in sich aufgesogen, und die Höllenmaschinen haben sich in ansehnliche pseudosakrale Ornamente verwandelt. Prometheus ist zurückgekehrt, um uns seinen Fall noch einmal darzulegen. Diesmal hat er Josef Bierbichler zu seinem Anwalt bestellt. In legerer Alltagskleidung haben der Schauspieler  und seine Mitstreiter Platz genommen an dem langen Tisch auf der Bühne. Sie lauschen der Prologmusik  – „Die Befreiung des Prometheus“ von Heiner Goebbels nach dem Hörstück von Heiner Müller aus dem Jahr 1985 – und wir schauen ihnen dabei zu und sind ganz Ohr und Aug. Als Bierbichler anhebt zu sprechen, so sanft, verletzlich, fast flüsternd, ist  es mucksmäuschenstill in der Halle. Dann fasst seine Stimme Tritt, sie nimmt Partei und ist Prometheus. Ohne falsches Pathos, ganz im Sinne von Heiner Müller, der vom Gebrauch des Textes als Arbeit und nicht von seiner  Besitznahme spricht. Was Bierbichler sagt, und wo er schweigt, oder wenn er dem Echo des Gesagten nachzuhören scheint,  ist gleich bedeutend. Die warme Dialektfärbung seiner Stimme rückt uns die Figur des Unsterblichen auf Tuchfühlung nah, ein Gott auf Augenhöhe, ein  Fehlbahrer, Ungehorsamer, Aufbegehrender. Gleichzeitig einer alles Menschenmaß übersteigender Leidender. Des Schauspielers bestechende Genauigkeit, seine Hingabe und seine gleichzeitige Distanz machen diese szenische Lesung nach einer Interlinearversion von Peter Witzmann zu einem unvergesslichen Erlebnis.

 

„Prometheus ist eine Gelegenheitsarbeit. Mich interessierten die Unstimmigkeiten in dem alten Text, wegpoliert in den gängigsten (meist wilhelminischen) Übersetzungen, am wenigsten, im Vorschein bürgerlicher Revolution, bei Voß. Der Widerspruch zwischen Leistung und Eitelkeit, Bewusstsein und Leiden, Unsterblichkeit und Todesangst des Protagonisten. Die Widersprüche in Geographie und Periodisierung bei der Prophezeiung für Io. Die Tradierung geht in den Text ein, die Fehler weisen das „Werk“ als Arbeit aus. Es  geht um Gebrauch (Arbeit). Das bedingt den Verzicht auf Erklärung (Aufhellung dunkler Stellen, Übersetzung = Interpretation von Eigennamen), die den Kreis der möglichen Bedeutungen einengt. (…) Der Prometheus-Text besteht wie jeder Sprechtext, aus Sätzen, nicht aus Wörtern (…) Die Frage nach der sinnlichen (Information überschreitenden) Qualität von Sprache ist politisch, (…) die Bedeutung der Pop-Musik für die anti-autoritäre Bewegung lag nicht im Informationsgehalt. Wenn der Kapitalismus die Klassiker zu Makulatur stampft, weil er nichts zurücklassen will, ist das nicht unsere Arbeit.“

(Heiner Müller)