Vergiftet für immer

Werden Kunstobjekte im öffentlichen Raum als Straßenmöbel übersehen, oder wie kommt es, dass 76 Jahre nach dem Ende des Tausendjährigen Reichs in Deutschland und Österreich immer noch Objekte aus der Hitler-Diktatur im öffentlichen Raum herumstehen oder Theaterfoyers und Ämter „schmücken“, dass Künstler unbehelligt sowohl nationalsozialistischer Propaganda sich andienen als auch nach Kriegsende sich in Trauerarbeiter verwandeln und so die Opfer verhöhnen konnten? Die Mühlen der Geschichte mahlen langsam , , ,

Deutschland zu entnazifizieren, hatten 1945 die Siegermächte im Potsdamer Abkommen sich vorgenommen, 596 Objekte wurden als Propaganda identifiziert und von amerikanischen Soldaten in die USA geschafft, wo sie bis heute, weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit, lagern. Nach wie vor befürchten amerikanische Kunsthistoriker, diese Werke könnten Neonazis anstacheln oder sich unter Rechtsradikalen zu Ikonen verwandeln, während in der hiesigen Museumspraxis mittlerweile NS-Kunst, sachgemäß kommentiert, in größeren thematischen Zusammenhängen gezeigt wird.

In der Ausstellung „Die Liste der „Gottbegnadeten“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) präsentiert der Historiker Wolfgang Brauneis erste Forschungsergebnisse zur Künstlerbestenliste des „Führers“ und seines Chefpropagandisten Joseph Goebbels. Zahlreiche Fundstücke offenbaren, dass es in der Kunstpolitik nach Kriegsende ebenso wenig einen radikalen Neuanfang gab wie in Justiz und Politik. In akribischer Recherche fand Brauneis in Österreich und fast allen deutschen Bundesländern Beispiele für die erstaunlich bruchlose Kontinuität der Kunstproduktion in der jungen Bundesrepublik: An die Stelle von oftmals in antikische Mythenmotive implantierten unverblümten nationalistischen, martialischen und militaristischen Inhalten traten in der jungen BRD Opferdenkmale, „Klage“ und „Trauer“ hieß das Programm zum Beginn des Wirtschaftswunders.

Nach Regionen aufgelistet, wird gezeigt, welche Künstler die „Kunstliebe“ der Machthaber als Auftrag wahrnahmen. Von insgesamt 300 Objekten entfallen allein 90 auf Nordrhein-Westfalen und diese häufen sich im Ruhrgebiet.

Auf der DHM-Webseite lädt eine interaktive geografische Karte von Deutschland und Österreich zum Mittun ein: Mit der Common Science-Funktion können aufmerksame Bürger neu entdeckte Standorte von Kunstwerken aus der NS-Zeit / Nachkriegszeit in öffentlichen Gebäuden und Räumen, in Schulen u.a. hinzufügen.

Die Liste der bislang erfassten Objekte soll nach und nach vervollständigt werden. Nicht nur Künstler, die zu den Günstlingen der NS-Machthaber zählten sondern auch Kunstschaffende, die im Dritten Reich erfolgreich gearbeitet haben und nach Kriegsende ihre künstlerische Arbeit ungeschoren fortsetzten, stehen im Fokus der künftigen Forschungen.

Fritz Behn, Eduard Bischoff, Joseph Enseling , Hermann Geibel, Philipp Harth. Ludwig Kaspar, Fritz Klimsch, Georg Kolbe, Willy Meller, Richard Scheiber, Adolf Wamper ­ – dreizehn Namen nennt der Ausstellungskatalog, deren Werke sowohl in der NS-Diktatur wie auch nach dem Neubeginn im Zeichen der Demokratie von Politikern wertgeschätzt und für den Öffentlichen Raum ausgewählt wurden.

Exemplarisch sei hier auf die ungebrochene Karriere des Bildhauers Willy Meller hingewiesen, der landesweit eine imposante Anzahl von Werken hinterließ:

1930 – 1935, Stadtpark Lüdenscheid, Der Erwachende;

1935, Stadtpark Lüdenscheid, Trauernde;

1937 bis 1939, vier Skulpturen auf der NS-Ordensburg Vogelsang. Schleiden;

1938, Reichsadler, Schloss Erwitte;

1939, Schaffender Mensch, Verwaltungsgebäude Gebrüder Eickhoff, Bochum;

1939, Löwendenkmal vor dem Rathaus Remscheid;

1941, Reichsadler, Rodenkirchener Brücke, Köln;

1949 -1951, Liegende mit Kind, Am Römerkastell, Bonn;

1950/51, Parze-Brunnen, Schedestraße, Bonn;

1950 – 1953, Die Opfer, Friedhof St. Audomar, Frechen;

1951, Die Schwangere, Venusberg, Bonn;

1953/54, Flötenspieler, Neefestraße, Bonn;

1953 – 1954, Brunnen mit Relief, Fernmeldeamt, Bonn;

1953 – 1955, Pferdebrunnen, ehem. Postscheckamt Dortmund;

1956, Gänsebrunnen, Marktplatz Düsseldorf;

1957, Brunnenstele, St. Mechtern, Köln;

1958 – 1962, Weltkarte mit Hermes, Hauptpost Bochum

1965 – 1970, Podz Lüdenscheid, Bärengruppe;

1968, Lüdenscheid, Bismarck-Ehrenmal;

1969/70, Brunnen, Erich-Gutenberg-Berufskolleg, Köln;

 

 

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