Rotes Schloss

Bloemersheim ist Sitz der Familie von der Leyen

Rotes Schloss

Mit geschlossenen Augen beiße ich in den Apfel, der glatt und rund in meiner Hand liegt, und der verheißungsvolle Duft, der ihm entströmt, bewahrheitet sich im Mund: er ist saftig und süß, sein spritzig säuerlicher Beigeschmack kitzelt den Gaumen. Eine alte Sorte? Baron Friedrich von der Leyen lacht. „Nein, aus unseren Plantagen!“ Wir stehen auf dem Innenhof von Schloss Bloemersheim zwischen Herrenhaus, Verwaltung und Wirtschaftsgebäuden. Goldenes Herbstlicht flutet strahlend aber mild über die Wälder und Wiesen und mittendrin, für Fremde fast versteckt, diese Wasserburg, die unter falschen Namen segelt. Der Bau könnte einem Ludwig-Richter-Bilderbuch entstammen: das Mauerngeviert mit spitztürmigem Erker in einem unbeschreiblichen Rot-Ton, der das Bauwerk gleichsam entrückt. Die markanten weißen Fensterfüllungen unterstreichen das Spielerische, gleichzeitig aber flößt dieses trutzige Baudenkmal aus dem 14. Jahrhundert Vertrauen ein: eine feste Burg, umgeben von einem Wassergrabensystem. Zugang nur über die Zugbrücke. „Die stammt aber nicht, wie lange angenommen, aus dem Mittelalter, sondern wurde im 19. Jahrhundert errichtet“, weiß der Baron. Damals hatten die Romantiker einen Mittelalter-Hype mit Vorlieben für den gotischen Baustil ausgelöst, dem auch Friedrich Heinrich von der Leyen erlag, als er das von französischen Truppen geplünderte, heruntergekommene Anwesen 1802 für 17 000 Taler erwarb. Sein Sohn Gustav Heinrich baute Bloemersheim ab 1824 aus, das ganze historisierende Gepräge eines Rittergutes gab Mathilde von der Leyen dem Gebäude, indem es ihm einen grau-blauen Putz verpassen ließ.
Der heutige Schlossherr aber hat etwas gegen Mythen, er steht mit beiden Beinen auf dem Boden und hat den Kampf mit den Realien aufgenommen. Er liebt seinen Besitz, das Schloss und das Land, das ihm seine Vorfahren vererbt haben, und deshalb versucht er mit den Bürden, die dieses Erbe mit sich bringt, fertig zu werden und verantwortungsvoll mit den Verpflichtungen, die daraus erwachsen, umzugehen. „Es sieht ganz gut aus“, erzählt von der Leyen, „die Älteste meiner vier Töchter studiert Land- und Forstwirtschaft. Sie soll Bloemersheim weiterführen. Die Zweitälteste hat gerade Abitur gemacht und will Jura studieren.“ Der Baron kann seinen Stolz nicht ganz verbergen, zeigt diese Zukunftsperspektive doch, dass seine Familie die Zeichen der Zeit erkannt hat, wachsam wie der Kranich im Familienwappen, dessen Krallen eine Kugel halten, die davon rollen würde, wenn er einschliefe.
Damals, vor 203 Jahren, als der im preußischen Krefeld zu Reichtum gekommene mennonitische Seidenfabrikant, Bürgermeister und Deputierte des Roer-Departements, Friedrich Heinrich von der Leyen, den befestigten Hof – ohne die Privilegien eines Adelssitzes wie Steuerfreiheit und Mitgliedschaft im Landtag – erwarb, war der Anfang gemacht in der Entwicklung einer städtischen Kaufmannsfamilie zu einer Dynastie von Gutsbesitzern. Im Zuge der Säkularisation waren die Preise für Ländereien günstig, und die von der Leyens kauften, ohne das Land selbst zu bewirtschaften. Erst als die Textilkrise die Grenzen ihres Gewerbes offenbarte, bauten sie ihren Landbesitz nach und nach zum Kernbereich ihrer Aktivitäten aus, seit 1932 ist das Schloss Hauptwohnsitz der Familie. Die Pachtbetriebe wurden seit den 60er Jahren zurückgenommnen, seit 1984 werden alle Flächen wieder selbst bewirtschaftet. Schwerpunkte hier sind Forst- und Landwirtschaft ohne Gemüse- und Blumenanbau sowie der Obstanbau, den von der Leyen seit den 70er Jahren stark modernisierte. In einer Kooperative verwaltet der Baron neben Bloemersheim Ländereien in Dyck, Langwaden und Bürgel. Am Herzen liegt ihm aber auch der Erhalt der Landschaft, deren Stellenwert als Freizeitraum für erholungsbedürftige Städter wächst. „Die Pflegemaßnahmen werden immer teurer, ohne dass ein angemessener finanzieller Ausgleich geschaffen wird“, kritisiert der Landschaftsschützer derzeitige Zustände. Schloss Bloemersheim ist bei Spaziergängern und Joggern ebenso wie bei Fotografen bekannt und beliebt – wer sieht schon die Arbeit, auf der all die Schönheit basiert?

INFO: Die Hofanlage kann nach Voranmeldung unter Tel. 02845-95920 besichtigt werden. Auf der Internetseite schloss-bloemersheim.de finden Interessierte Hinweise auf die Schlosshofkonzerte in den Sommermonaten und den Weihnachtsmarkt.

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