Rote Wüste, Rotes Meer

Sinai
Sinai
Wintertage auf der Sinai-Halbinsel

Ramadan ist vorbei. Im Morgengrauen, noch vor dem ersten Hahnenschrei, hat der Wind mehrstimmigen lautsprecherverstärkten Männersprechgesang heran getragen. Litaneien rollen in das Hellerwerden wie Wellen auf den Sand. Hypnotisch, scheinbar anschwellend mit den ersten Strahlen, die hinter den Bergzügen der saudiarabischen Küste hervorbrechen und verstummend, als die tiefrote Sonnenscheibe dann am unteren Rand des Firmaments glimmt. Die Lobpreisungen Allahs klingen von der kleinen Moschee des Dorfes Mashba herüber in die weite Bucht von Dahab. Die Hotelgäste schlafen noch, eine Handvoll haben sich zur Meditation im nachtfeuchten Sand am Meeresufer eingefunden, freundlich begrüßt von einigen „working cats and dogs“, die im Schutz der Strohschirme unter den Liegen genächtigt haben und sich den Morgentau aus dem Fell lecken. Später, als die Schatten schon wachsen, dringt die Predigt des Geistlichen wieder herüber: atemlos, Wort um Wort, Satz auf Satz hinaus geschleudert, gefolgt von langen ruhigen Passagen. Da wir das Arabische nicht verstehen, nehmen wir die Emphase seiner Rede umso stärker wahr. Heute beginnt für die Ägypter islamischen Glaubens ein neues Jahr. Was wissen wir Feriengäste in der kleinen Hotelanlage Dahabeja am Golf von Akkabar schon von der Anstrengungen des Lebens für das Servicepersonal, das, immer lächelnd, präsent ist. Die unterschiedlichen Uniformen der Techniker, Gärtner, Putzmänner, Kellner zeigen, wo sie stehen in der Hotel-Hierarchie. Die Flecken auf ihren schwarzen Hosen und oftmals desolates Schuhwerk erinnern uns daran, dass wir uns in einer künstlichen kleinen Oase befinden, die mit dem Alltag dieser Menschen wenig gemein hat. Wieder einmal geben wir uns dem Luxus des „einfachen Lebens“ hin. Mit dem Landrover brettern wir stundenlang über unwegsame Pisten an einsame Strände, wo die farbenprächtigen Fische im Riff noch ganz zutraulich sind. Wir lassen uns bezaubern als habe die Vertreibung aus dem Paradies nicht stattgefunden, weil die Sehnsucht , „zurück in der Natur“ zu sein, so stark ist. Ganz geben wir uns unseren Sinnen hin: lassen uns vom warmen Meereswasser tragen, sehen den Wolkenschatten zu, die, Inseln gleich, auf dem gleisenden Meeresspiegel zittern, hören wie Brandung und Windböen aus den Schluchten sich begegnen, schmecken das Salz auf den Lippen, riechen den Rauch einer Feuerstelle vermischt mit Minze, aus der ein Beduine Tee zubereitet.
Neben den Tauchern kommen hier vor allem Windsurfer auf ihre Kosten. Anfänger haben es nah am Ufer leicht, Fortgeschrittene flitzen jenseits einer vorgelagerten Sandbank mit dem Wind um die Wette über die Wellen.
Die Tour zum Katharinenkloster startet sehr früh. Während am westlichen Horizont noch violette Nachtfetzen hängen, pulsiert im Osten perlmutten irisierendes Morgenlicht. Die schmale schwarze Asphaltstraße schlängelt sich an steil aufragenden Felsformationen entlang, überquert Pässe und durchschneidet, so weit das Auge reicht, den rötlich schimmernden Wüstensand. Das hingehauchte Grün der Akazienbäumchen wetteifert mit den atemberaubenden Farbnuancen des Gesteins. Wir passieren eine Wasserstelle an der Beduinen ihre Kamele tränken: Mit zeitlupenhaft langsamen, anmutigen Bewegungen füllen sie ihre Wasserbehälter. Bei einer notdürftig zusammen gefügten Wellblech-Hütte legen wir eine Rast ein. Der Beduine, der hier haust, bietet uns Tee an und will uns seine Steinsammlung zeigen. Doch unser Führer drängt zum Aufbruch, um vor der Öffnung um 10 Uhr am Kloster zu sein. Wie ein Schwalbennest schmiegt sich das Gemäuer an den Fels, ja es scheint selbst in den 17 Jahrhunderten seit Gründung eher organisch gewachsen und dann versteinert zu sein als erbaut. Heute ist es Wallfahrtsort für gläubige Christen, Muslime und Juden. Die Mächtigen des Morgen- wie Abendlandes huldigten der Heiligkeit des Ortes, indem sie die Autonomie des Klosters nicht antasteten und die Mönche in Urkunden ihres Schutzes versicherten. Mit feinstem mehlartigen Sand überpudert sind Büsche und Bäume am Weg. Weich, abgeschliffen schimmern die Pflasterquader auf den letzten hundert Metern zum Klosterportal. Das wirkt in der mächtig aufragenden Mauer aus Natursteinen unscheinbar wie ein Loch, fast alle Pilger müssen beim Eintreten klein machen. Durch dunkle, enge Gänge, über hohe Schwellen und kleine Treppen führt ein junger Mönch, der sich über unser „Ti kanete?“ sichtlich freut. Weihrauch schlägt uns entgegen. Der eigentliche Kirchenraum ist nur von Kerzenlicht erleuchten. Wie viele Schichten des Kultes sich hier abgelagert haben! Generationen von Mönchen schmückten das Gotteshaus mit Preziosen zur höheren Ehre des Allermächtigsten. Kostbare Bronze-Lüster hängen von der prächtigen hölzernen Kassettendecke herab. In der Ikonostase leuchten Goldornamente, die Antlitze der Propheten und Heiligengesichter glühen im Halbdunkel wie von Innen heraus. Hinter dem Hochaltar der Ort, wo der Legende nach der Dornbusch brannte, ist für Touristen nicht zugänglich. Ebenso wie die Bibliothek, deren weltberühmte Handschriften geschützt werden müssen. Im Klostermuseum kann man immerhin einzelne Pergamentblätter bewundern.
Angelockt von einer kleinen Kapelle mit Kuppel, die sich in eine Wüstenmulde schmiegt, halten wir auf dem Heimweg an und wagen uns auf einen Beduinen-Friedhof: Einfache, etwa kopfgroße Steine ohne Inschriften markieren die Gräber.

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