Dem Blick entrückte Huldigung

Hoch über den Dächern von Venedig im Wind der Lagune: Il Nido

„Il Nido – Pilgerweg zum inneren Gleichgewicht“ von Sylke von Gaza auf der alten Sternwarte von Venedig

Von der Bildmitte, der undefinierten Horizontlinie, in der von oben wie von unten kommende Pinselstriche wie ein roter Schleier aufeinander stoßen, führt Sylke von Gazas Gemälde „Red Veil Master Painting 5“ (2016 zu sehen im Museum Kunstplast Düsseldorf) geradewegs zu ihrer Installation „Il Nido“, die bis Mitte Januar in Venedig zu sehen ist. In ihrer Malerei setzt die Scully-Meisterschülerin sich seit Jahren mit Transformationen auseinander. Sie hat in einigen Kirchen der Lagunenstadt gemalt, darunter St. Leo unweit von Rialto, wo eine ihrer Arbeiten hängt. Die stille Abgeschiedenheit der sakralen Räume scheint ihre künstlerische Inspiration zu beflügeln. Nun also rückte sie das Begehren des Betrachters, zu ergreifen, was er sieht, in den Fokus und setzt ihre Installation genau in jene undefinierte Zone, wo Sichtbares und Unsichtbares aufeinander stoßen.

Wann immer es die Arbeit im Atelier zuließ, erkundete Sylke von Gaza in den vergangenen Jahren in einem kleinen venezianischen Fischerboot die Lagune und fand an deren Stränden vielgestaltige Schwemmhölzer. Sie sammelte die Hölzer Stück für Stück und transportierte sie mühevoll gebündelt zum Trocknen in die Stadt. Ein überdimensionales Nest schwebte ihr vor und darin Glaseier. Nach aufwendigen Probeläufen wurden diese in der Meisterwerkstatt des durch Glasstress bekannten Adriano Berengo auf Murano geblasen.

Dem uralten Naturraum Lagune wird gehuldigt mit alten Hölzern Venetiens und Eiern aus dem Quarzsand der Lagune. Gedacht wird der unentwegten Metamorphosen – Werden, Vergehen und Auferstehen im Makro- und Mikrokosmos – und der Historie der glorreichen Serenissima, errichtet auf dem christlichen Glauben, im Kampf gegen das Unheil der teuflischen Pest. Die Lagune, in deren Schutz einst arme Fischer Zuflucht vorm Hunnensturm suchten, und ein Dorf zur Großmacht sich entwickeln konnte. Hier rückt menschliche Hybris in den Blick, gemahnt nicht die biblischen Warnung „Wenn du gleich in die Höhe führest wie ein Adler und machtest dein Nest zwischen den Sternen…“ (Obadja 1,4) an Demut?

Wie lässt nun das Wirkliche des historischen Raums Lagune ins Reale eines Werks sich transformieren?

In Anbetracht der grassierenden Schaulust unserer Zeit baut die Künstlerin ihr Werk an einem Ort, wo es trotz seiner Überdimensionalität den begehrlichen Blicken entrückt ist: Hoch über den Dächern von Venedig, auf dem Turm der alten Sternwarte des patriarchalen Priesterseminars, die nur über viele Stufen erreichbar, aber nicht öffentlich zugänglich ist. So bleiben kunstsinnigen Besuchern nur der Blick vom Bacino di San Marco aus durchs Fernglas und ihre Phantasie: Die Allschau aus der Perspektive der Vögel. Weit höher als die schwimmenden Riesenhotelschiffe, die Venedig heimsuchen, liegt das Nest. Die Brut birgt die Idee der Transformation. Wird das Nest selbst zur Idee, schlägt Natur in Kunst um, und aus den Eiern schlüpfen poetische und philosophische Assoziationen: So der Gedanke an die Muttergottes, der mythologischen Gebärerin der Venezia; der Madonna della Salute gelobte am 22. Oktober 1630 der Doge Nicolò Contarini mit der Bitte, die grassierende Pestepidemie zu beenden, eine Kirche zu errichten. Ein Drittel der Stadtbewohner hatte schon ihr Leben gelassen, als seine Bitte erhört wurde. Der venezianische Architekt Baldassare Longhena erbaute die prächtig barocke Basilika Santa Maria della Salute gegenüber dem Dogenpalast, an der Punta della Dogana, der alten Zollstation Venedigs. Er konstruierte einen Kuppelbau über einem Oktagon, in dessen Zentrum quasi die Geburt Christi symbolisiert wird: Der Stern, der auf die Erde fiel. Für die Gestirne am Himmel waren Geistlichen auf der Sternwarte zuständig. Glaube und Wissenschaft in ihrer heiklen Beziehung. Was immer diesen Eiern entschlüpfen mag: Unermesslich groß und so winzig, dass es sich verliert im Unsichtbaren; das lang schon Vergangene; nie ganz vergehende Gefühle und Gedanken.

„Il Nido“ von Sylke von Gaza ist Teil der Padiglioni Paralleli, den Beiträgen der Kurie zur diesjährigen Biennale. Das Nest selbst blieb bis Mitte Dezember auf der Sternwarte und wird danach bis Mitte Januar zunächst im Kreuzgang und später unter der Kuppel der Basilika zu sehen sein.

Das Unsichtbare zu gestalten, heißt, sich dem größten Geheimnis zu nähern. Der Sinnsucher, der sich „Il Nido“ nähert, kommt einem Geheimnis nahe, das letztlich in ihm selbst liegt.

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