Wo Vergangenheit und Zukunft sich berühren

„Aber was wissen wir schon im voraus vom Verlauf der Geschichte, der sich entwickelt nach irgendeinem, von keiner Logik zu entschlüsselnden Gesetz, bewegt und in seiner Richtung verändert oft im entscheidenden Moment von unwägbarer Winzigkeit, durch einen kaum spürbaren Luftzug, durch ein zur Erde sinkendes Blatt oder durch einen von einem Auge zum anderen quer durch eine Menschenversammlung gehenden Blick. Nicht einmal in der Rückschau können wir erkennen, wie es wirklich vordem gewesen und zu diesem oder jenem Weltereignis gekommen ist. Die genaueste Wissenschaft von der Vergangenheit reicht kaum an die von keiner Vorstellungskraft zu erfassende Wahrheit heran.“ W.G. Sebald „Campo Santo“

Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins gibt Auskunft über die Entstehung des Moerser Baudenkmals Nr. 1

Das Schloss in sein städtebauliches Umfeld zu integrieren und es den Moersern als einladender Ort der Kommunikation zu öffnen, treibt städtische Stadtplaner schon seit Mitte der 1980er Jahre um. Es fehlte indes an Zeit, Geld und Ideen, und so verschleppten sich Sanierung und Erweiterung des Moerser Baudenkmals Nr. 1. Jahrelang klaffte es als Wunde im Herzen der Stadt, lange Zeit von Gerüsten verunstaltet, verhüllt von Planen. Was lange währt, wird endlich gut, tröstete sich die Museumsleiterin Diana Finkele, die zum einen mit interessanten lokalhistorisch verankerten Ausstellungen das beste aus der misslichen Lage machte und versuchte für die Zukunft vorzuarbeiten, indem sie neue Besucherschichten erschloss. Geduldig und klug genug, begriff sie die unerwartet lange Pause als Chance zur Selbstvergewisserung des Hauses im innerstädtischen Umfeld und Neubestimmung des Museumskonzepts. Im regionalen Vergleich steht – wie auch Landeskonservator Udo Mainzer betont – die Schlossanlage als exemplarisches Modell mittelalterlichen Burgenbaus da: Ihre Geschichte lässt sich außergewöhnlich geschlossen belegen, vom steinernen Wohnturm des 12. Jahrhunderts über die Ringburganlage des 13. Jahrhunderts und deren umfangreichen Erweiterungen im 15. und 16. Jahrhundert bis hin zur rund 200 Jahre um- und ausgebauten Festung, wie sie sich heute zeigt. Die wichtigsten archäologischen Befunde sind zu besichtigen. An einem hölzernen Bauphasenmodell können Museumsbesucher die neu erschlossene Geschichte in die Hand nehmen. Aus historischer Sicht erwies die Verzögerung sich als segensreich für das historische Gebäude und die Stadt. Das legt zumindest die Publikation nahe, die der Landschaftsverband Rheinland als 62. Arbeitsheft der Rheinischen Denkmalpflege herausgab. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das aufwändig produzierte Buch als ein Abriss 800-jähriger Stein gewordener Geschichte, fundiert dargelegt von Archäologen, Bauforschern und Historikern.
Über die Grafen von Moers, die vom 12. bis zum 16. Jahrhundert hier residierten und das Haus jeweils ihren veränderten Ansprüchen anpassten, berichtet Margret Wensky, die Herausgeberin der Moerser Stadtgeschichte. Die Ergebnisse ihrer aktuellen Bauforschung legt Kristin Dohmen dar. Sie hatte die zentrale, bislang kaum erforschte Baugeschichte zu klären und neu zu bewerten. Die Aufsehen erregenden Funde, auf die er bei seinen Grabungen im Schlosshof stieß, schildert der Archäologe Hayo Heinrich. Eine vergleichende Betrachtung und Einordnung des mittelalterlichen Moerser Schlosses in den niederrheinländischen Burgenbau steuern die Bauforscher Jens-Holger Wroblensky und Joachim Zeune bei. Harald Herzog vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege erläutert die neuzeitlichen Befestigungen von Stadt und Schloss. Mit dem Schlosspark als Landschaftspark des 19. Jahrhunderts und der Bepflanzung der Wallanlagen beschäftigt sich die Landschaftsarchitektin Rose Wörner. Christine Knupp-Uhlenhaut, langjährige Leiterin des Grafschafter Museums im Ruhestand, würdigt den Museums- und Geschichtsverein als 100 Jahre alte aber noch kein bisschen müde Vereinigung und stellt in einem zweiten Beitrag die Museums-Sammlungen vor. Erfahrung und Sachverstand als langjähriger Mitarbeiter des Rheinischen Archiv- und Museumsamtes bringt Peter Joerißen in seine Überlegungen zur Neukonzeption der Schausammlung ein. An die spannende Geschichte des 1975 im Schlosskeller gegründeten Theaters erinnert der einstige Bundesjustizminister Jürgen Schmude, der die Entwicklung der vergleichsweise jungen Bühne als führender SPD-Kulturpolitiker im Moerser Stadtrat begleitete und heute den Theaterförderverein leitet. Martin Vollmer-König gibt Einblick in die Ergebnisse von 14 archäologischen Maßnahmen, die seit 1992 im historischen Stadtkern von Moers durchgeführt wurden, um Erkenntnisse über die mittelalterliche Stadtbefestigung und die mehrphasige neuzeitliche Festungsanlage zu erhalten. Ausblicke in die Zukunft eröffnen schließlich Annette Zimmermann vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege und der Weseler Architekt Rainer Tichelhoven. Sie erläutert, in welchem Maße denkmalpflegerische Aspekte die Entwicklung und Umsetzung der Neubauplanung beeinflussten. Über die Konzeptfindung beim Museumsanbau berichtet er.
Wiederum hat diese faktenreiche, instruktive Publikation jener Verein ermöglicht, dessen Einsatz das herrschaftliche Gebäude zu Anfang des 20. Jahrhundert sichern half: Der Grafschafter Museums-und Geschichtsverein. Seinerzeit setzte er sich erfolgreich für die Umwidmung des Gebäudes zum Museum ein, das ganz im Sinne seines Gründers Hermann Boschheidgen eine Wehr im Zeitfluss sein sollte. Zu seinem 100. Geburtstag schenkte der Verein der Stadt das Museum quasi ein zweites Mal: als historischer Rückblick und Zukunftskonzept in Buchform.

Moers – Burg, Schloss, Kulturzentrum, 156 Seiten, Großformat (21/30 cm),146 zumeist vierfarbige Abbildungen und Pläne, Wernersche Verlagsgesellschaft, ISBN 3-88462-205-6, 19,80 Euro

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