Goldstickereien künden von Gottesverehrung

Ordensmuseums Kamp

Metamorphosen religiösen Lebens auf dem heiligen Berg: Nachdem der letzte Karmeliter-Mönch Kloster Kamp verlassen hatte, wurde das erste Zisterzienserkloster auf deutschem Boden aus dem 12. Jahrhundert Herzstück eines Geistlichen und Kulturellen Zentrums, das die Begegnung an diesem spirituellen Ort in den Mittelpunkt stellt. Unter dieses Dach entließ die Vereinigung Europäische Begegnungsstätte auch das Ordensmuseum, das, aus Eigeninitiative entstanden, zuletzt mit mannigfaltigen Problemen zu kämpfen gehabt hatte. Im Zeichen des Imagewandels besann sich die junge Bergbaustadt Kamp-Lintfort der älteren kulturellen Wurzeln der Zisterzienser und unterstützt auf ihrem Weg zur Klosterstadt die Arbeit des Zentrums finanziell. Gemeinsam mit dem Rheinischen Museumsamt wurde ein neues zeitgemäßes Ausstellungskonzept für das Ordensmuseum erarbeitet.
Wie der Museumssitz im einstigen Agatha-Stift an jene Heilige erinnert, die von den Kamper Mönchen von Anfang an verehrt wurde, deren Reliquien sich aber in der wechselvollen Geschichte verlieren, so wurden die Schätze von Kloster Kamp in den Wirren der Zeit weithin verstreut. Allein über 1000 Urkunden aus dem Klosterarchiv befinden sich heute im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, die Kamper Bibel aus dem Jahre 1312 und andere wertvolle Folianten gerieten im Zuge der Säkularisierung in weltliche Hände und gehören heute der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin. Auf dem Klosterberg – sprich im Besitz der Pfarrgemeinde Liebfrauen Kamp – blieben aber einige Pfunde, mit denen sich trefflich wuchern lässt. Diese Kostbarkeiten werden in den neu gestalteten Räumen des Ordensmuseums in beeindruckender Weise präsentiert.
Ehrfurcht gebietend begrüßt von einem wandhohen Ölgemälde herab Abt Petrus Polenius (1636 –1664) in Lebensgröße den Besucher. Dass die Ordensregel „Ora et Labora“ von Kamper Zisterziensern im „wilden Osten“ verbreitet wurde, verdeutlicht der Stammbaum aller Klostergründungen, die auf Kamp zurückgehen. Als Projektionswand dient eine dritte Tafel: Ein Video vermittelt die Historie des Klosters Kamp. Solchermaßen gerüstet, steht der Besucher auf dem Weg in den ersten Stock vor dem Grundriss der Klosterkirche. Dass die Ausschmückung dieses Gotteshauses zur höheren Ehre des Allmächtigen geschah, wird dem Besucher schlagartig klar, wenn er den Blick hebt und die geheimnisvoll schimmernden Paramenten im Obergeschoß erfasst. Diese floralen Ornamente, mit Gold- und Silberfäden in Seidensamt gestickt, verherrlichen die Schöpfung in andächtiger Hingabe. Höhepunkt, wie ein Allerheiligstes abgeschirmt, das Kamper Antependium aus dem 14. Jahrhundert. Es zählt zu den größten Kostbarkeiten mittelalterlicher Stick-Kunst. Die Anschauung des Betrachters unterstützen, wie ein Hauch entrückter Anbetung aus lang vergangenen Zeiten eingeblendet, Choräle. Hier informiert ein Video über das klösterliche Leben.
Hervorzuheben sind die zweisprachigen Erläuterungsschilder in Deutsch und Niederländisch. Die drei Grundfarben Gelb, Blau und Rot sowie die Komplementärfarben Violett und Grün definieren in gedämpften Tönen den Ausstellungsraum als Gedächtnisraum, in dem die funkelnden Messgewänder und Ornate auch als Platzhalter einer geistigen Haltung fungieren. Der Berliner Künstler Christian Zwirner-Fehling hat die unifarbenen Stofftapeten bemalt, mit denen jene Raumelemente bespannt wurden, hinter denen die Fenster sich verstecken. Um nämlich die empfindlichen Textilien und Bücher zu schützen und die Konzentration auf die Exponate zu intensivieren, verzichtet man auf Tageslicht. Scheinwerfer über den Vitrinen unterstützen so unauffällig wie nachhaltig diese Inszenierung. Die wandhohe Vergrößerung einer anmutigen Illumination erinnert an die Leistung der Mönche, das Christentum durch die Heilige Schrift verbreitet zu haben, und daran, dass es einst auch hierzulande ein Privileg war, lesen und schreiben zu können. Sie lenkt die Aufmerksamheit auf Handschriften aus dem Kamper Scriptorium. Verblasste Lettern auf starkwandigen Pergamentseiten. Ihre winzigen Schnörkel und Verzierungen: jener kleine Überschuss, der Kultur heißt.
Annerose Schmitz leitet das Ordensmuseum, die Kunsthistorikerin Ingrid Weinreich ist für die Wechselausstellungen verantwortlich, denen künftig zwei Parterre-Räumen vorbehalten sind. Zur Wiedereröffnung werden hier Paramenten einer Stickerin unserer Tage gezeigt.

IRMGARD BERNRIEDER

INFO Öffnungszeiten: di. bis sa., 14 bis 18 Uhr, so./fr., 11 bis 18 Uhr.; Informationen unter Ruf 0 28 42 / 40 62; auf Anfrage finden Führungen statt.

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