„Für Liebhaber des Schönen und Guten“

Verzeichnis Düsseldorfer Drucke (1555 – 1806) in der Universitäts- und Landesbibliothek

Mit einem Habenichts fängt die Geschichte der Düsseldorfer Drucke an und scheint – nomen est omen – darauf hin zu weisen, dass die Residenzstadt am Rhein in der Welt der Drucker im Vergleich zur benachbarten Hochburg Köln kaum Bedeutung hatte. Schmucklose Kleinschriften prägen den Gesamteindruck, wenige illustrierte Glanzlichter stechen in dieser Bibliographie hervor, sie eröffnet indes ein ganzes Forschungsfeld zur Druck- und Kulturgeschichte der Stadt. Jener Martin Peu d’Argent also ließ vor 450 Jahren das Notenblatt seines mehrstimmigen A-cappella-Gesangs in einer Düsseldorfer Druckerei drucken und verlegen und veranlasste damit den frühesten Düsseldorfer Druck. Während etwa in den niederländischen Handelsstädten das Druckgewerbe damals schon weit ausgebaut war und eigenständig neben Buchhandel und Verlagswesen stand, lagen Buch-Handel, Verlag und Drucker-Handwerk in Düsseldorf noch in einer Hand. Was nun jenen Herrn Weniggeld betrifft, so dauerte es viereinhalb Jahrhunderte, bis dieser Sachverhalt unter vielen anderen Novitäten ans Tageslicht kam. Und so betont das dafür verantwortliche Team Manfred Neuber, Marianne Riehtmüller und Rudolf Schmidt-Föller der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf denn auch die Forschungsperspektiven, die sich daraus für Wissenschaftler verschiedenster Sparten ergeben. Im Gespräch mit Neuber Schmitt-Föller und dem Leiter des Dezernats Sondersammlungen, Dr. Max Plassmann, wurde deutlich, dass hier Basisarbeit zur Düsseldorfer Stadtgeschichte der frühen Neuzeit geleistet wurde. Die Bibliothekare freuten sich besonders, das Verzeichnis Düsseldorfer Drucke nach mancherlei Problemen und Verzögerungen just in einem Jubiläumsjahr vorstellen zu können. „Seit vielen Jahrzehnten hat diese Publikation auf der Wunschliste der Universitätsbibliothek gestanden“, berichtet Rudolf Schmitt-Föller. Und Manfred Neuber ergänzt: „Es war völlig unbefriedigend, dass bislang Ludwig Merländers zweiteiliges Verzeichnis aus dem Jahr 1888/89 als einziges bibliographisches Hilfsmittel zur Verfügung stand.“ Als Beitrag über Buchdruck und -handel in Düsseldorf im Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins erschienen, umfasste es für den Zeitraum von 1556 bis 1785 rund 346 Drucke. Die neuerlichen Recherchen erbrachten eine Verdreifachung auf 892 Titelnummern, die bis ins Jahr 1806, den Beginn der französischen Zeit, reichen. „Trotz verbesserter Suchmittel, etwa im Internet, zog sich die Arbeit am aktuellen Katalog auf Grund der schwierigen Quellenlage lange hin“, erklärte Schmitt-Föller. Und Neuber weiter: „Vielfach hatten wir es mit fehlerhaften Angaben zu den Herausgebern zu tun. Titel aus dem Verlagssortiment tauchten als hier verlegte auf.“
Die Suche brachte Überraschungen und Einblick. So war bislang nicht bekannt, dass am Görres-Gymnasium, das früher als Jesuiten-Gymnasium geführt wurde, Schulschriften in lateinischer Sprache erschienen, in denen Disputationen dokumentiert wurden. In der Bayerischen Staatsbibliothek wurden die Bücher-Detektive fündig. Neugierig machen die handschriftlichen Kommentare und Ergänzungen auf den weißen Blättern der durchschossenen juristischen Druckschriften. Unter den religiösen Schriften zu Reformation und Gegenreformation aus dem 17. Jahrhundert sticht der Katechismus des Johann Monheim hervor. Ihn ziert eine Eiche hinter zwei gekreuzten Ankern. Aus dem Laubwerk baumeln zwei Bücher. So verewigte sich der Drucker Johan Oridryus (Bergeiche). Eine frühe, ästhetisch reizvolle Form des Recycling stellen Einbände aus älteren Pergament-Handschriften dar, etwa die Psalmen Davids, gedruckt von Caspar Uhlenberg. In altes Buntpapier eingeschlagen wurden die frühesten Zeugnisse des Düsseldorfer Karnevals vom Ende des 17. Jahrhunderts: Textbücher von Hofopern, die zur Karnevalszeit aufgeführt wurden. Die umständlich anmutenden, eben barocken Titel sind in verschieden großen, schönen Lettern in Rot und Schwarz gedruckt.
Die neue Bibliographie erfasst auch 30 Periodika. So das Jülich und Bergische Wochenblatt, das ab 1769 erschien. Heutigen Wissenschaftlern geben darin Buchanzeigen Hinweise auf Neuerscheinungen der Zeit. Oder „Iris“, die wichtigste Literaturzeitschrift aus Düsseldorf, die ab 1774 erschien. In ihr wurden Goethe-Gedichte erstmals gedruckt, was sie aber nicht davor bewahrte, schon 1776 wegen „Konzeptionslosigkeit“ (so ein Zeitgenosse) eingestellt zu werden. Der Interessierte stößt auch auf Düsseldorfer Drucker-Dynastien wie die Familie Stahl, auf Zeugnisse des harten Konkurrenzkampfes, etwa um die Ansiedlung in der Stadt oder um das Privileg, sich Hof-Buchdrucker nennen zu dürfen. Unter Kuriositäten rangiert ein Raubdruck des Romans „Die Leiden des jungen Werther“ des Druckers Wizezky, in dem sein Verfasser Goethe nicht erwähnt, dafür aber auf die „echte Auflage“ hingewiesen wird. Christian Friedrich Schubarts Schrift „Todtenfeier der europäischen Politik“, weist als Erscheinungsort Maltha und Cairo aus.
Eines der ersten illustrierten Bücher aus Düsseldorf behandelt 1708 die Fechtkunst. Die Kupferstiche wurden von Druckplatten genommen, die schon 1644 in einer Heidelberger Ausgabe Verwendung gefunden hatten. Der Prunkkatalog der Düsseldorfer Gemäldegalerie zeigt auf Großtableaux, wie die Bilder an den Galeriewänden angeordnet waren, und Friedrich Mohn gab einen Band heraus, in dem Karl Ernst Christoph Heß die Werke der Gemäldegalerie skizzenartig stach. Das „Niederrheinische Taschenbuch für Liebhaber des Schönen und Guten“ ordnet Schmitt-Föller der Häppchenkultur der damaligen Zeit zu ebenso wie die Almanache und Magazine für Ärzte und für „die Philosophie des Lebens“. Zwei Drittel alles verzeichneten Drucke sind in der Universitätsbibliothek auch greifbar.
Und wie sieht es mit den Düsseldorfer Druckerzeugnissen des 19. Jahrhunderts aus? Max Plassmann winkte ab. „Das ist von uns nicht zu leisten. Zum einen nehmen in dieser Epoche die Drucke durch den Einsatz von Maschinen explosionsartig zu, zum anderen haben wir kein Personal dafür“, so Plassmann. Die Universitätsbibliothek schlüge sich mit einem um ein Drittel gekürzten Etat herum, bis 2007 fielen weitere 20 von 150 Stellen weg. Und er erinnerte an die traditionelle Aufgabe einer Landesbibliothek: die Sicherung des Schrifttums ihres Sprengels.
(Verzeichnis Düsseldorfer Drucke 1555 – 1806, 300 Seiten, Reichert-Verlag, Wiesbaden, ISBN 3-89500-436-7, 39 Euro)

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