Porös

Neapel in den 50er Jahren
Neapel in den 50er Jahren

Ausgeteilt, porös und durchsetzt ist das Privatleben. Was Neapel von allen Großstädten unterscheidet, das hat es mit dem Hottentottenkral gemein: jede private Haltung und Verrichtung wird durchflutet von Strömen des Gemeinschaftslebens. Existieren, für den Nordeuropäer die privateste Angelegenheit, ist hier wie im Hottentottenkral Kollektivsache.
So ist das Haus viel weniger das Asyl, in welches Menschen eingehen, als das unerschöpfliche Reservoir, aus dem sie herausströmen. Nicht nur aus Türen bricht das Lebendige. Nicht nur auf den Vorplatz, wo die Leute auf Stühlen ihre Arbeit tun (denn sie haben die Fähigkeit, ihren Leib zum Tisch zu machen). Haushaltungen hängen von Balkons herunter wie Topfpflanzen. Aus den Fenstern der höchsten Stockwerke kommen an Seilen Körbe für Post, Obst und Kohl.
Wie die Stube auf der Straße wiederkehrt, mit Stühlen, Herd und Altar, so, nur viel lauter, wandert die Straße in die Stube hinein. Noch die ärmste ist so voll von Wachskerzen, Heiligen aus Biskuit, Büscheln von Photos an der Wand und eisernen Bettstellen wie die Straße von Karren, Menschen und Lichtern. Das Elend hat eine Dehnung der Grenzen zustande gebracht, die Spiegelbild der strahlendsten Geistesfreiheit ist. Schlaf und Essen haben keine Stunde, oftmals keinen Ort.
Je ärmer das Viertel, desto zahlreicher die Garküchen. Von Herden auf offener Straße holt, wer es kann, was er braucht. Die gleichen Speisen schmecken verschieden bei jedem Koch; nicht aufs Geratewohl wird verfahren, sondern nach erprobten Rezepten. Wie im Fenster der kleinsten trattoria Fische und Fleisch vor dem Begutachtenden aufgehäuft liegen, darin ist eine Nuance, die über die Forderung des Kenners hinausgeht. Im Fischmarkt hat dieses Schiffervolk sich die niederländisch-grandiose Freistatt dafür geschaffen. Seesterne, Krebse, Polypen aus dem von Ausgeburten wimmelnden Wasser des Golfs bedecken die Bänke und werden oft roh mit ein wenig Zitrone verschlungen. Phantastisch werden selbst die banalen Tiere des Festlands. Im vierten, fünften Stock dieser Mietskasernen werden Kühe gehalten. Die Tiere kommen nie auf die Straße, und ihre Hufe sind so lang geworden, daß sie nicht mehr stehen können.
Wie sollte sich schlafen lassen in solchen Stuben? Da stehen zwar Betten, soviel der Raum faßt. Aber sind es auch sechs oder sieben, so gibt es an Bewohnern oft mehr als das Doppelte. Daher sieht man Kinder spät nachts, um zwölf, ja um zwei, noch auf den Straßen. Mittags liegen sie dann schlafend hinterm Ladentisch oder auf einer Treppenstufe. Dieser Schlaf, wie auch Männer und Frauen in schattigen Winkeln ihn nachholen, ist also nicht der behütete nordische. Auch hier Durchdringung von Tag und Nacht, Geräuschen und Ruhe, äußerem Licht und innerem Dunkel, von Straße und Heim.
(Walter Benjamins und Asja Lacis, Denkbild über Neapel)

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