Vorm Erbe nicht erstarrt

Eingangsszene: Ein Steg aus der Vergangenheit.

Seit sie

. . . gegangen ist, möchte man den Satz vollenden, den der griechische Regisseur Dimitris Papaioannou seinem Stück als Titel gibt, das jetzt als erste abendfüllende Regiearbeit nach Pina Bauschs Tod am Tanztheater Wuppertal uraufgeführt wurde. Nach neun Jahren des Beharrens überlistet der Choreograph und Tänzer die Medusa, die das Doppelgesicht jener hochgemuten vergangenen Zeit sein mag, und erstarrt nicht vor ihrem Anblick, sondern ruft sie in einem Bild auf. Gleich zum Auftakt des Abends bauen sich die Tänzerinnen und Tänzer einen Steg aus lauter Stühlen von der einen zur anderen Bühnenseite, einen Ausweg aus jener vertrackten Vergangenheit, eine Brücke in die Gegenwart, und schneiden sich jeden Rückweg ab. Überhaupt: Stühle! Wofür stand Pina Bauschs Lieblingsmöbel nicht schon alles? Dieser ersten Abschied nehmenden Verneigung vor der Riesin Pina folgen weitere im Lauf des achtzigminütigen Programms, Szene um Szene jedoch steckt Papaioannou das neue Gelände seines tiefgründigen, extrovertierten Körpertheaters ab. Das Bäumchen, einst klein im Rucksack transportiert, ist gewachsen und wird nun auf eine Erhebung im Bühnenhintergrund geschleift und dort gehisst wie die Flagge, die eine Eroberung anzeigt.

Der Grieche arbeitet auf einer abgedunkelten Bühne. Der Ton eines Echolots und das Ächzen eines Schiffskörpers legen nahe, dass wir uns in der Tiefsee befinden. In den ozeanischen Abgründen eines Traums, in dem alles möglich ist, und dies und das geschieht, ohne Zusammenhang. Der menschliche Körper in seiner entblößten fleischlichen Oberfläche und seiner Skelett-Struktur wird beäugt, experimentell erweitert, vermessen auch im Raum. Auf erstaunliche Weise setzen sich Körper in Bewegung wie frisch geschlüpfte Kreaturen, die sich ihrer selbst noch vergewissern. Rasante Tanz-Fetzen ziehen vorbei wie ein Pina-Traum im Traum.

Ganz zu Beginn entwickelte Pina ihre Stücke als Antithesen zum herkömmlich Spitzentanz, mehr Theater als Tanz. Das änderte sich, je weniger sie beweisen musste. Tänzerische Bewegung, die den Spitzentanz ironisierte, und prägnante Bühnenbilder gingen Hand in Hand und wurden zu unverwechselbaren Erkennungszeichen. Es scheint, Papaioannou tut gut daran, die Marke Tanztheater Wuppertal wieder mehr diesen Ursprüngen anzunähern, um es neu erfinden zu können. Der Anfang ist gemacht.

 

(Aufführungen am 18., 19., 20. Mai)

http://www.pina-bausch.de/de/service/tickets-service/)

 

 

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