„nicht schlafen!

0 glaube, mein Herz, o glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja dein, was du gesehnt
Dein, was du geliebt, was du gestritten!
Sopran-Solo
0 glaube, du wardst nicht umsonst geboren,
Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!
Chor und Alt-Solo
Was entstanden ist, das muss vergehen,
Was vergangen, auferstehen!
Hör auf, zu beben!
Bereite dich, zu leben!

(aus dem Libretto / 5. Satz in Gustav Mahlers 2. Sinfonie

ADie aufregenden Jahre, die dann 1914 in den zweiten Weltkrieg mündeten, hatte Alain Platel im Blick, als er sein Mahler-Projekt inszenierte. Gemeinsam mit  Steven Prengels (Musik), Berlinde De Bruyckere (Bühne)  und Les ballets C de la B trachtet er danach, der Nervosität, Schwere und Oberflächlichkeit dieser Epoch zu erkunden, und der Gegenwart gegenüberzustellen.Uraufgeführt wurde die Inszenierung im Rahmen der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum.

Fin de Siècle meinte ja nicht nur den Abschied  von einem Jahrhundert, sondern ddas gleichzeitige Beharren in der „guten alten“ Zeit und das Vorpreschen der Avantgarde, und die hochgemuten kritischen Entwürfe der Moderne. Überkommene Kunstfornmen werden gesprengt, Gattungen durchlässig. Platel nimmt diese neue Offenheit auf und zeigt uns zum einen im Bühnenbild von De Bruyckere eine erhabene monumentale Skulptur: Vor einem zerschlissenen Bühnenvorhang türmen sich zwei Pferdeleiber übereinander. Zum anderen irritieren trashige Kostüme der Protagonisten, die Alltag signalisieren. Der Komponist Gustav Mahler scheint dem Nicht-Choreographen Plael wohl als herausragende Persönlichkleit, in der und in deren Werk sich alle Widersprüche der Vorkriegszeit widerspiegeln. In der Inszenierung stoßen eigentliche und uneigentliche Elemente aufeinander, Gattungsgrenzen sind ohne Belang, Kuhglocken (aus Mahlers ironisch-sentimentalischem Klangkosmos) treffen auf afrikanische Gesänge und das Kunstlied (Libretto siehe oben).

Körper prallen aufeinander, Körper, die nicht tanzen sondern miteinander ringen, rennen und quälen bis zur völligen Erschöpfung. Der Schmerz „spielt“ mit. Während sich die „Tänzer“ maltrtieren und schinden – später auch auf berührende Weise liebkosen – werden behutsam verfremdete Passagen aus Mahler-Musiken eingspielt, die für selige Harmonie, ja Idylle stehen. Für überwältigendes Aufgegehren auch.Offensichtlich will Platel alles gegen den Strich büsten, auf den Kopf stellen Nichts soll zueinanderpassen. die Einheit der Handlung ist ja längst schon perdu; es bleiben Punkte, an denen sich die Tänzer ihren unterschiedlichen Programmen hinzugeben scheinen, um dann wieder zur Gruppe sich zu fügen. Es bleibt letztlich eine Verunsicherung, und es bleiben einige wohltuend tiefen Momente. Was ist Leben schon anderes als „nicht schlafen“?

 

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