Kampfkunst als Metapher

Überzeugt als Gong: Zang Ziyi

Wong Kar Wai „The Grand Master“

 

Der Weise weiß und macht kein großes Aufhebens von sich und seinem Wissen. Um Kampfkunst geht es, und das Leben, das hinter deren strengen Regeln steht. Dieses Schweigen, ja das Unsagbare, versucht Wong Kar Wai in seinem Film „The Grand Master“ zu inszenieren. Der Regisseur entwirft dazu ein überwältigendes Bilder-Tableau, fein ziseliert wie die Ornamente der übermannshohen schmiedeeisernen Torgitter, die sich im Laufe der Handlung öffnen und schließen und zerbersten. Reich verziert wie die kunstvoll geschnitzten und bemalten Interieurs und überwältigend in seinen berührend schönen Landschaftsszenerien und Menschenantlitzen.

Wong Kar Wai hat sich  acht Jahre Zeit gelassen für diesen Film. Tiefgreifende Recherche und Sorgfalt wie auch Respekt gegenüber seinem Thema  – der Film erzählt das Leben des chinesischen Kampfkünstlers Yip Man, der als Mentor von Bruce Lee  gilt – sieht man seinem Film an.  Freilich auch seinen enzyklopädischen Anspruch. Zwischen den dokumentarisch anmutenden  „Material“-Blöcken und den fiktiven Erzählsträngen holpert der Schnitt ein wenig,  Rückkblenden als probates Mittel der Charakterisierung und Historisierung fügen sich nur schwer in die allgegenwärtige Bewegung der Kämpfe  ein. Für diese kleine Schwäche werden wir aber reich belohnt mit ungemein präsenten Schauspielern und hinreißenden Dialogen. „Sein , Verstehen, Tun“, darauf kommt es an, bei Kung Fu, erklärt uns die wunderschöne  Gong  gegen Ende des Films, und ihr „Gegner“ bringt die traditionsreiche chinesische Kampfsportart mit ihren Schulen und Stilen auf den kurzen Nenner „Stehen oder liegen; wer liegt hat verloren. Die Bewegungen der Kämpfer, ihr lauerndes umeinander Kreisen, blitzschnelle Attacken, und wie ihre Füße über den Boden wischen, Fäuste vorschnellen, das hat streckenweise auch etwas vom Schreibduktus eines chinesischen Kalligraphen, dessen Pinsel kunstvolle Lettern senkrecht untereinander aufs Papier setzt.

Einmal sind der Mann und die Frau einander auf Leben und Tod begegnet und nahe gekommen, in dem Kampfritual „36 Hände“. Die selbstbewusste unbesiegte  Kämpferin Gong hat es von ihrem Vater erlernt und tritt nun gegen den Mann an, der ihren Vater besiegte. IP Man sein Name. „Schade um die schöne Einrichtung“, meint sie lakonisch vor dem Kampf, und er erwidert, dass er sich beim geringsten Schaden geschlagen geben werde. So kämpfen sie auf engstem Raum in einem atemberaubenden Pas de Deux. Er rettet sie vor dem tödlichen Sturz und beschädigt dabei eine Bohle. Er verliert den Kampf und gewinnt sie. In einer Nah-Einstellung schweben die Gesichtsprofile der Beiden sekundenlang horizontal, so nah, dass kein Blatt Papier dazwischen passt, wie das Zeichen für Ying und Yang. Was der Betrachter schon lange weiß, kommt Gong erst am Ende über die Lippen: „Ich habe Dich ins Herz geschlossen“.

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