Die absolute Schönheit der Nutzform

Industriedenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen

„Wir haben erst langsam gelernt, die absolute Schönheit zu verstehen, die in der restlosen Bejahung der Nutzform und der Konstruktion liegt“, notiert Paul Clemen im Jahr 1924 angesichts des Friedrich-Alfred-Hüttenwerks in Rheinhausen. Wir können heute nicht mehr in Augenschein nehmen, welche „Gebilde der Raumkunst“ den Kunsthistoriker zu solcher Begeisterung veranlassten, denn nach der Schließung des Werks wurde die gesamte Anlage Ende der 1980er Jahre dem Erdboden gleich gemacht. Auf der anderen Rheinseite hingegen stellte man das Meidericher Hochofenwerk unter Denkmalschutz und führte seine Gebäude im Landschaftspark Nord kultureller Nutzung zu. Theateraufführungen, Open-Air-Kino und Konzerte, Ausstellungen und Sport werden dort angeboten. Solcher „Gebrauch“ sichert das Überleben der gigantischen Anlage. Über die Notwendigkeit, Denkmale der Technik und Industrie als repräsentative Zeugen unserer rund 200-jährigen Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und ihrer kunsthistorischen Bedeutung wegen zu erhalten, äußerte sich Axel Föhl. Der Düsseldorfer Industriedenkmalschützer der ersten Stunde problematisiert den Spagat zwischen unverzichtbaren Neunutzungskonzepten für Industriedenkmale und deren oftmals engem Funktionszuschnitt und warnt vor dem Verlust von Authentizität und Substanz, der bei Umnutzungen drohe. „Das Kunststück besteht darin, dieses schmale Segment des Erhaltbaren so auszugestalten, dass es zu einem repräsentativen Gesamtbild führt“, schreibt er in Band 47 der Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz. Und hier wünscht er sich größeren Spielraum.
Seit Anfang der 1970er Jahre wurden neue Konzepte der Industriedenkmalpflege diskutiert, eine Vorreiterrolle spielte dabei Nordrhein-Westfalen, schon wegen der gigantischen Hinterlassenschaften der Montan- und Bergbauindustrie im Land. „Der Skandalwert der Industriedenkmalpflege hat sich längst verloren“, weiß Föhl. Heutzutage gelte es vielmehr als schick, in ehemaligen Fabrikbauten zu wohnen und zu arbeiten: „Damit vollziehen wir, zeitlich verzögert, Gewohnheiten aus amerikanischen Großstädten nach“, weiß Föhl. „Aber 100 Jahre Arbeit in der Schwerindustrie hinterlassen Spuren, die nicht mit viel Geld ausgelöscht werden sollten.“ Die Wände einer Maschinenhalle weiß zu tünchen, um sie als Location für VIP-Empfänge tauglich zu machen, oder die beschönigende Blumenrabatte im einstigen Fabrikhof verbrauchten das Industriedenkmal anstatt es zu gebrauchen. Die letzten authentischen Maschinen in der Essener Zeche Zollverein zu Gunsten eines großen gesichtslosen Raums kaputt zu hauen, entbehre jeglichen Fingerspitzengefühls. Dieser unsensible Umgang mit der Geschichte der einstigen Zweckbauten treibe merkwürdige Blüten. „Es ist zynisch, wenn die Gastronomie auf der Essener Zeche Zollverein für Promis Bergmannskost auf der Speisekarte hat“, so Föhls Kritik.
Die Umnutzung ist indes keine Erfindung der postindustriellen Epoche. Im Zuge der Enteignung geistlichen Besitzes während der Säkularisation erwarben Verleger, Kaufleute und Fabrikanten aufgelassene Klöster und Kirchen und richteten sich darin ein. Auch der Nutzungswechsel ist nichts Neues: In Euskirchen-Kuchenheim etwa wurde 1802 eine Papierfabrik gegründet, die 43 Jahre später in eine Tuchfabrik umgewandelt wurde . Und wiederum 140 Jahre später richtete sich eine Station des Rheinischen Industriemuseums dort ein.
Anfang der 70er Jahre herrschte ein warmer gesellschaftlicher Konsens darüber, dass für die Verbesserung des Stadtbildes etwas getan werden müsste. Wegen des drohenden Abbruchs der von Bruno Möhring in reinem Jugendstil erbauten Maschinenhalle der Zeche II/IV in Dortmund-Bövinghausen stiegen weite Kreise der Bürgerschaft auf die Barrikaden. Sie forderten, Bauten und Anlagen der Industrie und Technik in die Denkmalpflege aufzunehmen. „In einer allgemeinen Übertreibung wurde damals alles Denkmal“, erinnert sich Föhl. Diese wachsende Akzeptanz umgenutzter Industriedenkmale zeigte sich auch daran, dass Kommunalverwaltungen in ehemalige Industriebauten einzogen. Die Düsseldorfer Verwaltung nahm im Wasserwerk Quartier. Die Dimensionen wuchsen vom einzelnen Wasserturm, Fördergerüst über Schachthallen bis hin zu Zechen und Hochofenwerken. Der ursprüngliche Ansatz, landesweit nur exemplarische Anlagen zu erhalten, wich bald einer Pflege, die regionale Entwicklungen berücksichtigte. Hinzu kamen ökologische Fragen: Die teure Entsorgung gefährlicher Stoffe an aufgelassenen Produktionsstätten, führte immer häufiger dazu, dass eine eingeschränkte, risikobewusste Weiternutzung ihrer Beseitigung vorgezogen wurde. Die eingesparten Abbruch- und Aufräumkosten werden nicht selten in Erhaltungsfonds eingebracht. Mittelknappheit hat die Dynamik von einst gestoppt. Die Grundinventarisation für das Gebiet der Technik- und Industriedenkmale ist jedoch noch lange nicht beendet. Nach wie vor besteht hoher Handlungsbedarf beim Erhalt alter Industriegebäude. Gleichzeitig wäre zu wünschen, dass jene alten Bauwerke das Bewusstsein heutiger Architekten stärker prägten, übertrumpfen sich doch in den Gewerbegebieten und Industrieparks Zweckbauten gegenseitig an Hässlichkeit. In Baden-Württemberg und im Saarland wurden die Landesdenkmal-Ämter aufgelöst. In Nordrhein-Westfalen existiert diese Behörde noch – aber scheint’s nur auf dem Papier, betrachtet man ihre Abwesenheit in öffentlichen Diskussionen und ihre Lähmung bei öffentlichen Vorhaben. Geringe finanzielle Ausstattung allein kann nicht der Grund dafür sein.

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