Kraftfelder des Sternenstaubs

Sternen, die das menschliche Auge nicht sehen kann, und ihren Bewegungen mit neuester technischen Apparaten in Langzeiteinstellungen abgelichtet, gilt Tom Fechts aktuelle künstlerische Arbeit.

Tom Fecht – TiefenZeit im DKM-Museum Duisburg

Fin de la terre –   am Ende der Welt, wo der dunkel blinkende Kosmos direkt auf den schwarzen Schaum der atlantischen Tiefsee herabstürzt, hat Tom Fecht seinen Ort gefunden. Ganz im Geiste von Jean Pauls Weltflüchtlings Giannozzo, der „wie ein Paradiesvogel“ mit Wettern und Wolken sich bewegt, ankert der Künstler Feucht in der Luft planetarischer und metereologischer Naturphänomene.

Seit 2008 widmet er sich der Nachtfotografie in ihren technologisch avanciertesten Formen und filtert aus der geduldigen Langzeit- Beobachtung von Lichterscheinungen wie Sonnenfinsternissen und Mondphasen, Sternen- und Meeresbewegungen einzigartig poetische Essenuz. Vor den wandfüllenden Tafeln seiner Werkserien Eclipse, Electric Cinema und Gravitational Fields mutiert der Betrachter zum herzklopfenden, staunenden Etwas.

Seine Kompositionen aus Zeit und Licht fordern auch zu Vergleichen mit bedeutenden Positionen der Kunstgeschichte heraus. Mit Hieronymus Bosch (1450 bis1516) etwa, der auf seinem dreiflügeligen Altarbild „Der Garten der Lüste“ dem mittelalterlichen Betrachter dessen Zukunft vor Augen führt, entweder im himmlischen Garten Eden zur Linken oder in der Hölle, gegenüber gestellt. Auf dem mittleren, größten, Bild malt der Künstler wohl seine eigene Sehnsucht aus, gleichsam als utopischen Ausweg: irdisches Dasein im Zeichen von Liebe und Hingebe zum eigenen Tun. Wenn Bosch auf den beiden Außenflügeln seines „Gartens der Lünste“ das Universum als gläserne Kugel erfindet – über dem Erdenrund wölbt der Kosmos sich, unter der Scheibe nur Dunkelheit – maßt er sich den Blick des Schöpfers an, der nach christlichem Verständnis am dritten Tag Land, Meer und Pflanzen schuf.

Auch im Jahr 2015 steht ein Künstler vor jenem großen Geheimnis menschlicher Existenz und möchte es in seinen Bildern erfassen. Die Verneigung vor der erhabenen Natur, die Caspar David Friedrich so unvergleichlich gestaltete, der romantische Blick auf Naturgewalten und -Schönheit nimmt noch den Menschen als „Fleisch, das zurück zu den Sternen strebt“, ins Bild, während Tom Fecht uns Bilder von der Zukunft dieser Erde einfängt, in der das Werden und Vergehen der Materie den Takt angeben wird, ohne eine menschliche Spur.

Die Auseinandersetzung mit Licht- und Naturphänomenen prägt das Werk von William Turner und Alfred Sisley, im Unterschied zu Tom Fecht entzückt sich deren Kunst als Bewunderung für eine Natur, die sie in christlicher Tradition Gott zuschrieben.

Tom Fecht ist kein Photograph, er zählt zu den Alchemisten, sucht er doch einerseits, den magischen, einzig gültigen Augenblick eines Blitzeinschlags aufzunehmen, und geht dafür auch auf Reisen nach Irland etwa oder Süditalien. Andererseits fängt er mit seinen ausgefeilten optischen Apparaten Prozesse ein, die Menschenzeit bei weitem überschreiten. Er nimmt die Herausforderung an, die übermächtige Fragilität menschlichen Daseins zu verdeutlichen, indem er dem großen Ganzen Gestalt zu geben trachtet. Er weiß um sein Scheitern, das er mit anderen großen Geistern teilt, unter denen etwa Ludwig Hohl wissen will: „Hat je einer zuerst das Ganze gesehen, und dann erst das Einzelne? Ich meine von einem Ganzen, das wirklich etwas ist?“

Fecht scheitert grandios, seine anrührenden Licht-Gemälde legen Zeugnis einer sterngreifenden Leidenschaft ab.

Sei es das Restlicht einer Sonnenfinsternis auf den Wellenspitzen des Meeres in der Serie Eclipse oder in dem Konvulut Electric Cinema die Landschaft als Kulisse für den Auftritt von ungeheuer schönen Blitzen, Sekundenskulptuiren aus Elektrizität. Und wie entrückt aus einer anderen Dimension spiegelt der Mond das Licht der abwesenden Sonne. Nicht mehr, nicht weniger.

Der Wechsel von Ebbe und Flut, die unaufhörliche Bewegung des An- und Abschwellens der Wassermassen und der kleinsten Wellen erscheinen als chaotisches Lichtergewimmel auf den Großphotographien des Diptychons Gravitational. Vor diesen Fecht-Werken sind die „Vorbilder“ aus dem Labor von Otto Steinert und seines Schülers Detlev Orlopp nicht auszublenden. Die verdichteten Wasseroberlächen Orlopps ähneln auf bestürzende Weise seinen Felsbildern, und hier berührt sich dieses historische photographische Werk mit den zeitgenössischen Arbeiten von Tom Fecht: Elegien auf den Menschen als Sternenstaub.

Hiroshi Sugimoto (Jahrgang 1948) richtet in seiner Meeres-Photographie das Augenmerk ganz auf die Horizontlinie, die Himmel und Wasser trennt oder verbindet oder zur Öffnung werden könnte in die Zonen des großen Geheimnisses dahinter.Tom Fechts Standpunkt inmitten der Wassermassen legt nahe, dass er sich selbst als Teil der umgebenden Natur begreift.

(Tom Fecht (Jahrgang 1952) hat Kybernetik, Kunstgeschichte und Informatik in Deutschland und den USA studiert. Parallel zu seinem Studium gründete er Mitte der 1970er Jahre die Elefanten Press Galerie in Berlin gefolgt vom gleichnamigen Verlag. Teilnahme an der Documenta IX 1992. Alle Fotoarbeiten des Künstlers seit 2012 sind Unikate.)

(Bis 3. Dezember 2017; Booklet mit der Eröffnungsrede von Dr. Siegfried Zielinski, ZKM Karlsruhe)

 

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