Heldenverehrung – Trauerarbeit – Sightseeing

Das erste zentrale Ehrenmal der Bundeswehr. Zur Historie der 100 000 Gefallenen-Denkmäler in Deutschland

Die Davongekommenen schlossen nach dem ersten Weltkrieg einen Pakt mit den Toten, und Hitler verfasste ein imaginäres Testament der Gefallenen, indem er sich ihnen als Testamentsvollstrecker aufdrängte. Nach dem „Marsch auf die Feldherrnhalle“ inszenierten die Nationalsozialisten alljährlich eine Gedächtnisfeier für ihre November-Toten. Das Ritual wurde so zelebriert: Der Appellführer verliest deren Namen, alle Versammelten antworten „Hier!“ Akt der Vergegenwärtigung der Toten, die im Gedächtnis der Lebenden „ewige Wache“ beziehen. Das scheint lange vergangen, doch noch vor 25 Jahren sah sich Bazon Brock veranlasst, Pläne für ein Aufmarschgelände zur Totenhuldigung aufs Korn zu nehmen.Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann wollte nämlich eine Baulücke an der B9 zwischen Bonn und Bad Godesberg für diesen Zweck freihalten. Wer von anderen die Bereitschaft zu sterben als Ausweis demokratischer Gesinnung verlange, (frei nach der Parole der Wiederaufrüstungsdebatte der Nachkriegszeit:„Lieber tot als rot!“), müsse diejenigen vorstellen, die sich bereits als unbestreitbar glaubwürdig erwiesen hätten, so seine Begründung. Das aber könnten nur die Toten sein. Des Kunstprofessors ironischer Kommentar: „Ein Märtyrer wiegt bekanntlich tausend Wahrheiten auf“ („Der Deutsche im Tode“, in Arch+71, 1983).
Kurzlebiges Pathos
„Totenburgen“ in monumentalen Dimensionen planten einst die Nationalsozialisten.Der Kriegstod als Beweis höchster Tugend wurde hier heroisiert. Wie der bekannte Architekturhistoriker Wolfgang Schäche darlegt („Herrscher Tod. Krieg, Zerstörung, Opfer- und Todeskult in der NS-Architektur“, in Daidalos, 1990, 38) vermittelten diese aus grob behauenem Naturstein errichteten Ehrenmale an exponierten landschaftlichen Plätzen den Anschein tausendjähriger Archaik., eine Aura des „Ewigen“, „Zeitlosen“. Weihevoll lodernde Feuerschalen beleuchteten Adler und Löwe, unmissverständliche Symbole der Macht. Das Tausendjähriges Reich währte ganze zwölf Jahre und forderte im Zweiten Weltkrieg 60 Millionen Opfer.
75 Jahre später kommt Andreas Mecks’ Entwurf für das erste zentrale Ehrenmal der Bundeswehr ganz ohne Pathos aus. Es wird im zweiten Quartal 2008 eingeweiht werden. Sein „Ort der Stille“ überzeugte die sechsköpfige Findungskommission , bestehend aus den Historikern Ulrich Schlie (Chef des Planungsstabes im Verteidigungsministerium ) und Christoph Stölzl (CDU), Oscar Schneider, Ex-Bundesbauminister (CSU) und die Architekten Christoph Sattler und Stephan Braunfels sowie Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Höchst symbolisch freilich greift der Münchener Architekt mit halbkreisförmigen Öffnungen in der bronzenen Fassadenhülle auf die Form jener ovalen Erkennungsmarke des Soldaten zurück, die er als Marke an einer Kette um den Hals trägt. Stirbt er, wird sie in zwei Hälften gebrochen und dient als Todesnachweis. Seit 1955 kamen 2500 Soldaten und Zivilisten der Bundeswehr ums Leben. Die bei Auslandseinsätzen getöteten deutschen Soldaten werden nicht als „Gefallene“ bezeichnet. Dieses euphemistische Wort suggeriert, dass der Soldat aufrecht/ heldenhaft kämpft und erst sterbend zu Boden „fällt“.

Traditionsverständnis der Bundeswehr

„In „auffälliger Position, wo exekutives Handeln angesiedelt ist“ (Schneiderhan) ist das 41 Meter lange, acht Meter breite, zehn Meter hohe Ehrenmal auf der Parade- und Präsentierfläche des Berliner Amtssitzes von Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung fast ganzjährig öffentlich zugänglich.Kostenpunkt: drei Millionen Euro. Während die Kuratoren der im Bendler-Block beheimateten Gedenkstätte Deutscher Widerstand vor einer neuen „Kranzabwurfstelle“ warnten, beschwichtigte Jung: Die räumliche Nähe des neuen Ehrenmals zur Gedenkstätte für die Opfer des NS-Widerstands vom 20. Juli 1944 relativiere keinesfalls die Bedeutung des Attentats auf Hitler für das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Diese Nachbarschaft unterstreiche vielmehr die Hoffnung , dass sich Soldaten auch heute als verantwortlich denkende Persönlichkeiten zeigten.
Von der Hildebrandstraße aus betritt der Besucher den schwarz ausgekleideten Raum des Ehrenmals, der nur durch eine Deckenöffnung erhellt wird. Mittendrin erhebt sich ein Nagelfluh-Monolith. Die goldschimmernde Wand am Ausgang symbolisiert das Spirituelle, die Hoffnung. Von der Straße des Paradeplatzes trennt eine Schiebewand das Ehrenmal. Als Laserprojektion scheinen die Namen der Toten auf. Die Inschrift lautet: „Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit.“ Man differenziert also nicht zwischen dem Gedenken an die 69 Bundeswehrsoldaten, die seit 1990 im Auslandseinsatz getötet wurden, und jenen, die verunfallten oder sich selbst das Leben nahmen.

Der einfache Soldat wird denkmalwürdig

Das war nicht immer so. Der Zeitgeist färbte und formte die Kriegerdenkmäler, die in Erinnerung an Schlachten, Kriegsherrn und -helden im 19. und 20. Jahrhundert errichtet wurden. Sie sollten den kämpferischen Nationalgeist befördern und das Opferbewusstsein nachfolgender Generationen wecken. Ehrenmale erinnern an Bauernkrieg , Dreißigjährigen und den Siebenjährigen Krieg bis hin zu den Befreiungskriegen . Waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur bedeutende Heerführer und Offiziere mit militärischen Einzeldenkmalen geehrt worden, so stiegen in den neu entstehenden Volksheeren erstmals auch einfache Soldaten zu Denkmalwürden auf. Zum Gedenken an die Gefallenen in den Kriegen entstanden regionale und lokale Kriegerdenkmäler in großer Zahl.
Ab 1816 werden überwiegend hölzerne Denktafeln, auf denen die Namen der Gefallenen gemalt waren, in den Kirchen Preußens angebracht. Der Text entspricht dem Leitmotiv der Befreiungskriege: „Mit Gott für König und Vaterland!“ Für die Kosten kamen nach königlicher Anordnung die Gemeinden selbst auf. Das bürgerliche Reformwerk 1808/1816 hatte auf die Französische Revolution und die napoleonischen Eroberungskriege mit der Aufstellung von Volksheeren reagiert, in denen sich viele Kriegsfreiwillige aus allen Schichten der Bevölkerung schlugen. Notgedrungen nahm nun auch die breite Masse Anteil am Schicksal des Vaterlandes. König Friedrich Wilhelm III. erließ am 5. Mai 1813 auch die „Verordnung über die Stiftung eines bleibenden Denkmahls für die, so im Kampfe für Unabhängigkeit und Vaterland blieben.“ In ihr heißt es u. a.:
„§. 1. Jeder Krieger, der den Tod für das Vaterland in Ausübung einer Heldenthat findet, die ihm nach dem einstimmigen Zeugniß seiner Vorgesetzten und Kameraden den Orden des eisernen Kreuzes erworben haben würde, soll durch ein auf Kosten des Staats in der Regimentskirche zu errichtendes Denkmahl auch nach seinem Tode geehrt werden.
§. 3. Außerdem soll für a l l e, die auf dem Bette der Ehre starben, in jeder Kirche eine Tafel auf Kosten der Gemeinden errichtet werden, mit der Aufschrift: Aus diesem Kirchspiele starben für König und Vaterland: Unter dieser Aufschrift werden die Namen aller zu dem Kirchspiel gehörig gewesenen Gefallenen eingeschrieben. Oben an die, welche das eiserne Kreuz erhalten, oder desselben würdig gewesen wären.“

Bronze, Marmor, Granit

Fehlte im Vormärz den Republikanern schon ein wenig der heroische Zug und breitete vielerorts unter den Freisinnigen das Vereinsmäßige und Krähwinkelhafte sich aus (W. G. Sebald, Anmerkungen zu Gottfried Keller), so stieg der Nationalismus im Deutsch-französischen Krieg den patriotisch aufgeladenen Soldaten umso mehr zu Kopf.
Die Veteranen der Befreiungskriege organisierten sich seit den 1830er Jahren in Kriegervereinen, die sich nach den deutschen Einigungskriegen (1864 – 1870/71) um das Gedenken ihrer gefallenen Kameraden kümmerten und ihnen mit Spendengeldern und Gemeindezuschüssen vielerorts Kriegerdenkmale errichteten. Um deren Dauerhaftigkeit zu gewährleisten wurden die Materialien Bronze, Granit, Marmor sowie Findlinge verwendet.
„Man musste lernen, sich größer zu denken, und die Arbeit en miniature wurde aufgegeben zugunsten eines von Jahrzehnt zu Jahrzehnt rücksichtsloser sich inszenierenden Monumentalismus“, merkt W.G. Sebald, in seinem Text „Kleines Andenken an Mörike“ an. Dieser Monumentalismus hatte einen Ursprung in der Ende des 19. Jahrhunderts herrschenden Mystifizierung der Historie. Wie Jürgen Tietz in seiner Abhandlung über das Tannenberg-Denkmal (1999, Verlag Bauwesen) feststellt, wurde in dieser denkmalhungrigen Epoche mit ihrer romantischen Weltsicht die Denkmalsymbolik militaristischen und nationalistischen Zwecken dienlich gemacht. Freilich konnten noch so viele Denkmale – deren Untergruppe Ehrenmale sind – den Widerspruch zwischen dem uneingelösten politischen Machtanspruch des Bürgertums, das sich doch nur selbst bespiegelte, und der reaktionären wilhelminischen Monarchie nicht verdecken.
Die Gedenktafeln des Siebziger Krieges verehrten den Mut der im Kampf Gefallenen, der den Sieg erzwungen hatte. Die Sinnhaftigkeit des Todes ihrer Angehörigen wollten nach dem verlorenen ersten Weltkrieg die allerorten aus dem Boden sprießenden Kriegerdenkmäler den Hinterbliebenen suggerieren. Im Gegensatz zu den „Siegesdenkmalen“ von 1870/71 stand nun die heldische Opferbereitschaft der Soldaten im Vordergrund. Nicht selten wurde so aus der Niederlage ein Sieg. Was wunder, dass diese – von Kriegervereinen gestifteten – Ehrenmale vor Revanchismus strotzten. Stahlhelm und Handgranate verdrängen nach und nach den preußischen Adler, die Siegesgöttin Victoria, die Germania und den Obelisken als antikes Siegezeichen. Erstmals sind Frauendarstellungen zu beobachten, die wohl gezielt die Familie ansprechen sollten.
Wie sehr sich doch die Inschriften wandeln: 1813 starben die Soldaten für „König und Vaterland“, 1870/71 galt das Augenmerk den „tapferen Kriegern“, die nach dem 1. Weltkrieg zu „Heldensöhnen“ mutierten. Angesichts der Heere von Toten werden vor allem in den Großstädten Gedenkbücher mit den Namen der gefallenen angelegt.

Gefallenen-Denkmale von Künstlern

Bedeutende Künstler ehrten das Gedächtnis der Millionen Gefallenen beider Weltkriege. Aus dem Gefühl der Trauer und des Abscheus vor dem Krieg schufen sie Gefallenen-Denkmale. Ganz ohne nationale symbole thematisierten etwa Käthe Kollwitz 1932 für den Soldatenfriedhof Roggevelde-Essen und Ernst Barlach 1929 im Dom zu Magdeburg das Leid, das der Krieg allen Menschen gebracht hatte.
Ewald Matare schuf 1934 die Figur eines gefallenen Soldaten als Kriegerdenkmal für Kleve. Nur vier Jahre später entfernten und zerschlugen die Nationalsozialisten die Figur. 1977 wiedergefunden, wurde sie restauriert und 1981 vor der Klever Stiftskirche wieder aufgestellt. Die Geschichte dieses sogenannten ‚toten Kriegers‘, der wieder aus der Erde geborgen wurde, spiegelt das Schicksal des Künstlers Matare als zunächst angesehenen, dann von den Nazis als „entartet“ diffamierten und nach dem zweiten Weltkrieg rehabilitierten Künstler. Seines Meisterschülers Joseph Beuys erste große plastische Arbeit war das Büdericher Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Gegen Matarés Einwände nahm Beuys diesen ersten öffentlichen Auftrag an und fertigte ein monumentales Eichenkreuz samt Tor, das am 16. Mai 1959 im „Alten Kirchturm“ eingeweiht wurde.
Auf dem Gelände ehemaliger faschistischer Konzentrationslager in ganz Europa wurden Mahn- und Gedenkstätten eingerichtet, große architektonische Anlagen mit zentralen Großplastiken entstanden etwa in Buchenwald und Ravensbrück. Qual und Heldentum der Gefangenen standen dabei im Vordergrund.
Heute werden Ehrenmale – auch unabhängig von ihrer ursprünglichen Bestimmung – als touristische Zeile verwertet. Wirtschaftliche Aspekte haben ideologische abgelöst.

Ein Sonderfall

Eine DDR-Briefmarke aus dem Jahr 1980 zeigte in der Reihe „Bauwerke im Bauhaus-Stil“ Grabdenkmal Mies van der Rohes für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Architekt hatte es im Auftrag der Kommunistischen Partei entworfen, und am 13. Juni 1926 war es auf dem Friedhof Berlin-Friedrichfelde enthüllt worden. Es bestand aus dunkel gebrannten, verschieden langen, ineinander geschobenene Klinkerquadern, trug das Symbol des Sowjetsterns und die Inschrift „Ich bin.Ich war.Ich werde sein“. Diese bezog sich auf eine Zeile von Ferdinand Freiligrath (1810 –1876) zur Revolution von 1848, die Rosa Luxemburg in ihrem letzten Artikel zitiert hatte. Der Stern wurde 1933 entfernt und im Revolutions-Museum der Nationalsozialisten als Trophäe gezeigt. Weil das Denkmal außerordentlich populär war, fürchteten die neuen Machthaber, es könnte zum Symbol des Widerstands gegen ihr Regime werden und ließen es 1935 abtragen. Die Gräber der beiden Revolutionäre wurden 1941 eingeebnet, aber schon ein Jahr nach Kriegsende, 1946 weihte man eine provisorische Nachbildung des Ehrenmals ein. Seit 1983 bewahrt ein Erinnerungsmal nach Entwürfen von Günther Stahn und Gerhard Thieme dem hohen Symbolwert des Ortes ein ehrendes Andenken.

Literaturauswahl
In den 1970er Jahren setzte die wissenschaftliche Erforschung der identitätsstiftenden Momente dieses spezifischen Kriegs- und Kriegstodeskults ein. Der Instrumentalisierung und Ideologisierung von Denkmälern spürten insbesondere der Historiker Reinhart Koselleck („Kriegerdenkmäler in der Moderne“), sein Schüler Michael Jeismann sowie Thomas Nipperdey in seinem Standardwerk „Deutsche Geschichte 1800 –1918“ nach.
Kriegerdenkmale als Zeugnisse historischer Erinnerung erforschte Stefanie Endlich („Krieg und Denkmal im 20. Jahrhundert“)

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