Spiel-Wiese für Sinn-Sucher

Die Installation des argentinischjen Künstler Rirkrit Tiravanija im Schloss Moersbroich.

Museum Schloss Morsbroich trumpft gegen die drohende Schließung mit einer erfrischenden Ausstellung auf.

 

Ping – Pong ­­ . . . Aufschlag hat der argentinische Künstler Rirkrit Tiravanija, der eine Tischtennisplatte aufbaute, Bälle bereitlegte und Schläger, mit weißen Fragezeichen bemalt. Der Besucher schlägt den Ball zurück in Gedanken und hat dabei den Satz auf der Tischtennisplatte vor Augen: Morgen ist die Frage – nach Ornette Colemans zweitem Jazz-Album „Tomorrow is the question“. Diese Installation steht motivisch für die gesamte Ausstellung „Duett mit Künstlern“ über Partizipation als künstlerisches Prinzip“, die kürzlich mit Werken von 38 internationalen Künstlern im Museum Schloss Morsbroich eröffnet wurde.

Die Schau fragt nach Motiven für gesellschaftliches und soziales Handeln in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, deren innerer Zusammenhang sich allmählich auflöst: „Welche Formen des Miteinander werden praktiziert, wenn das gesamte Leben ökonomischen Kriterien folgt?“ Antworten auf diese provokante Frage bietet ein Kunst-Parcours durchs Museum mit Möglichkeiten der Einübung.

Fluxus blies in den 1960er und 70er Jahren frischen Wind in die festgefahrene, streckenweise noch in Vorkriegsthemen befangene Kunstszene, heute, ein halbes Jahrhundert später, drohen die einst erkämpften Positionen aufgegeben zu werden. Was läge näher, als sich ihrer Kraft zu vergewissern und den Ausweg Kunst zur Diskussion zu stellen?

In den einst herrschaftlichen Spielräumen korrespondieren (kunst-) historische Beiträge mit solchen der Gegenwartskunst . Gemeinsam ist Ihnen eine starke ironische Komponente, Spiellust und Neugier. Keine rote Kordel verhindert, dass der Besucher dem Kunstwerk allzu nahe kommt, kein Schildchen „Berühren verboten“. Ganz im Gegenteil! So heißt es bei Franz Erhard Walthers 1. Werksatz, dass seine Arbeit erst durch das Mit-Tun der Besucher vollendet werde. Diese müssen sich freilich ein halbes Jahrhundert nach der Premiere mit einem Blick auf die Matten, Kissen und Decken in einer Stellage begnügen und auf ein Nickerchen in einer stillen Ecke des Museums verzichten, denn die Zeit hat den Materialien so zugesetzt., dass sie benützt zerbröseln würden.

Ein beredtes Beispiel für die Alterung von Kunst-Material. Gerade die Fluxus-Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre sind dadurch um den zentralen Aspekt der Aktion amputiert, um die Teilhabe des Besuchers, die ihn vom Rezipienten / Konsumenten zum Akteur macht. Immer häufiger ersetzen Reenactments das Original

Einige Räume weiter lädt David Shrigley ein, wie in der Akt-Klasse einer Kunstakademie Platz zu nehmen im Kreis um eine laut mit ihren Riesenaugenlidern klappernde Riesenpuppe und diese zu zeichnen. Bunt die Wände ringsum von vielen Besucher-Skizzen.

Dann irritiert mich eine Frau, die ohne Zuhilfenahme ihrer Hände mit Oberkörper und einer Wang frontal gegen die Wand sich stemmt, als wolle sie sich hindurchdrücken (wie einst Cocteaus Poet durch den Spiegel). Wir haben es mit Bruce Naumans Happening „Body Pressure“ zu tun, das nur im Mitmach-Alt sich vollendet. Anweisungen des Künstlers sind einer knallrosa Textfahne zu entnehmen.

Wer möchte sich nicht in eine von Erwin Wurms „Minutenskulpturen“ zu verwandeln oder die passende der „Tournüren zum Maßnehmen“ von Franz Wests zu finden?

Schmunzeln dürfte Joseph Beuys über den voranpreschenden Impuls dieser Ausstellung, in der er selbst nur mit einer verschwindend kleinen Arbeit vertreten ist: „Wer nicht denken will, fliegt raus!“ steht da mit Kreide auf eine Schiefeltafel geschrieben, des Gründervaters aller Kunst-Aktionen Appell, selbständig zu denken und so der Teilhabe fähig zu werden.

Im gut bestückten Grafik-Kabinett künden Schrift- und Bildquellen von vergangenen Kunst-Ereiferungen. Etwa fesselt das Flair einer Schwarzweiß-Fotografie aus dem Jahr 1971. Sie zeigt Dieter Meier im Abendanzug mit gezücktem Revolver im Foyer der Ausstellung „The Swiss Avantgarde“ im Cultural Center New York. Das Schild zu seinen Füßsen verkündet: „This man will not shoot“. Wolf Vostells Projektdokumentation zu „Salon de Mayo“ ist in einem Schaukasten zu bestaunen, und Seiten aus einem Presseheft von Yves Klein dokumentieren den Kunst-Transfer an Michael Blankfort im Rahmen seiner Aktion „Zonen der immateriellen malerischen Sensibilität“.

Video-Arbeiten runden die Schau ab, deren Tüpfelchen sicherlich ein Aufführung von Tino Sehgal darstellt: In einem kleinen Raum der Museumsflucht singt, immer wenn ein Besucher hineintritt eine Museumsmitarbeiterin „This is Propaganda!“

(bis 3. September)

http://www.museum-morsbroich.de/

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