Kopfhörer, Schalltrichter, magisches Auge

Das Radio-Museum Duisburg

„Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen“, stellte Bertolt Brecht 1932 in seiner „Radiotheorie“ fest. Auch ohne diesen Anspruch einlösen zu können, hat Radio in Duisburg rund 50 Menschen in seinen Bann gezogen. Ein großes Schild mit dem Logo des Radio-Museums weist auf das Domizil an der Bergiusstraße 27 in Duisburg-Ruhrort hin. Das Haus steht unter Denkmalschutz, und deshalb wurde für die Fassade extra eine ins Gesamtbild passende neue Namenstafel gefertigt. Etwas versteckt, quasi über dem Hof, ist das Privat-Museum in der Turnhalle einer aufgelassenen städtischen Schule untergebracht. Walter Voigt ist der Vorsitzende des Fördervereins, der als Museumsträger auftritt. Die rührigen Mitglieder gewährleisten den Betrieb der Einrichtung, und das bedeutet für den harten Kern regelmäßige ehrenamtliche Arbeit. Die überwiegend älteren Liebhaber historischer Objekte renovierten den Ausstellungsraum in vielwöchiger Arbeit und transportierten die etwa 500 Radiogeräte von Huckingen nach Ruhrort. „Das war kompliziert, weil die Röhren der älteren Geräte empfindlich auf Erschütterungen reagieren“, berichtet Rolf Geiße. Das Museum betrachtet der Rentner als zweites Zuhause. Es ist seinem eigentlichen Zuhause sehr ähnlich. „Wir haben vom Keller bis zum Dachboden alles voller Radios“, schmunzelt der Sammler. Gern würde er dem Radio-Museum etwas stiften, aber der Magazin-Raum ist auch hier begrenzt. „Vieles gibt es mehrfach, es muss noch aussortiert werden, damit mehr Platz für besondere Geräte bleibt“, so Voigt.
Die „Technikfreaks und Nostalgiker“ des Radio-Museums, wie sie sich auf Ihrem Faltblatt bezeichnen, befinden sich in guter Gesellschaft: das Binnenschifffahrts- und das Haniel-Museum liegen nur einen Steinwurf entfernt. „Wir rechnen in den Sommermonaten mit vielen Besuchern, die in den Stadtteil kommen, weil es hier viel zu entdecken gibt“, hofft Walter Voigt. Damit übertreibt der 68-Jährige nicht, denn allein die „Schätzchen“ seines Hauses lassen das Herz jeden Sammlers höher schlagen. Und weil Radio bei vielen Menschen mit persönlichen Erinnerungen verbunden ist, finden hier nicht nur Tüftler Staunenswertes. Unterschiedlichste Emotionen dürften die 300 Apparate auf Regalen und in Vitrinen in den Besuchern wecken. Die frühen Detektoren mit Kopfhörern rufen vielleicht ähnliche Glücksgefühle ins Gedächtnis, wie sie Voigt als Zwölfjähriger empfand, als es ihm 1948, in der „schlechten Zeit“, gelang, selbst einen Radioempfänger zu basteln. Ein Draht vom Zimmer zum Apfelbaum, die Dachrinne als Erdung, schon war er auf Empfang. Im allgemeinen Mangel der Nachkriegszeit griff man auch auf Röhrengeräte aus Wehrmachtsbeständen zurück. Seit 1925 war diese Technik im Einsatz gewesen. 1580 Rundfunkteilnehmer zählte man bei der ersten Funkausstellung 1924 in Berlin. Sie brauchten eine amtliche Betriebsgenehmigung. Wenig später aber war Radio auf dem Weg zum Massenmedium: eine Million Menschen lauschte an ihren Stationen, die sich aus Empfänger und Lautsprecher zusammensetzten. Als Trichter geformt, wurden die Lautsprecher in Holz –oder Bakelitgehäusen verkleidet und mit Jugendstil- oder Art Deco-Ornamenten verziert, zum Möbel. An Angst und Bedrängnis der Kriegszeit mögen andere Besucher denken, wenn sie im Radio-Museum vor den unterschiedlichsten Modellen von Volksempfängern stehen. Unersetzliches Propagandamedium für die Nationalsozialisten, wurde er günstig angeboten und durfte nicht gepfändet werden. Der billige Deutsche Kleinempfänger (DKE) hieß im Volksmund auch „Goebbels-Schnauze“. Bei Kriegsende lag auch die deutsche Radio-Industrie am Boden, doch schon 1950 wurden wieder leistungsstarke Apparate, zum Teil mit Plattenspielern in Musiktruhen integriert, gebaut. Marken wie Telefunken, Loewe und Blaupunkt, Nordmende und Philips und ihre charakteristischen Logos mögen Besucher an so manche Party erinnern, auf denen man zu Rock ‚n’ Roll-Rhythmen schwofte, die von BBC und AFN gesendet wurden. Mitte der 50er Jahre begann das Fernsehen Radio zu verdrängen. Beim Gang entlang der vielgestaltigen Geräte und der illustrierten Texttafeln, die von Studenten der Fachhochschule gestaltet wurden, erfährt der Betrachter vieles über Technik- und Industriegeschichte und erkennt ihre Verzahnung mit der Politik.

INFO Radio-Museum Duisburg, Bergiusstr. 27, Tel., 0203-5008755; Führungen und Demonstrationen für Schulklassen nach _Vereinbarung; Öffnungszeiten: di., so.: 11 bis 14 Uhr; do., 11 bis 18 Uhr.

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