Was lebbar ist spielbar

Gabriele Gysi an Marlene Streeruwitz

Liebe Marlene,

danke für Deinen Brief.

Menschliches Erinnern ist bestimmt etwas, was uns lernfähig, zu Menschen macht. Trotzdem, oder drum frage ich mich, warum erinnere ich dies oder das gerade jetzt und warum auf diese Weise gerade jetzt.

Da beim Erinnern der DDR so vieles juristische Folgen hat, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des jeweils Sprechenden im momentanen, augenblicklichen Leben bestimmt, ist es fast ausgeschlossen, Wirklichkeit beschreibendes Dasein in der DDR aus heutigen Zeitzeugen  Berichten zu erfahren.

Mir zum Beispiel scheint das politische  Leben in der DDR immer aufgeregter, wirkungsvoller gewesen zu sein, als die nach außen gerichtete Wahrnehmung es darstellte. Da die Regierenden sowohl in der Praxis als auch in ihrem eigenen politischen Selbstverständnis  auf die Bevölkerung angewiesen waren, wurde jede Form kritischer Äußerung ernster genommen. Es gab in diesem territorialen staatlich geführten Monopol wesentlich mehr Organisationen zur politischen Beteiligung, als man Lust hatte wahr zunehmen.. Das gerade diese Massenorganisationen nervten, weil sie dem eigenen Individualitätsanspruch nicht genügten, scheint mir, von heute aus gesehen, fast tragisch. Zurück geworfen auf die Grenzen der eigenen Individualität, wird einem der Verlust an Gesellschaftlichkeit erst wirklich bewusst. Damals fand ich das formal aufgesagte „wir“ blöde, eben formal, heute nehme ich das oft wiederholte „wir“ in Politik und Journalismus als Katastrophe wahr, da es unter den Bedingungen der Globalisierung nur Ausschluss von allen und allem Anderen bedeutet, Herrschaft simuliert und eine Transparenz von realen Zusammenhängen verdeckt. Das „ich“ scheint noch weniger brauchbar etwas zu verstehen. Es ist fast unmöglich sich selbst im eigenen Reagieren zu verstehen, „denn keiner ist klüger als er selbst“.  Das war jetzt ein Brecht – Zitat aus „Rede an die dänischen Arbeiter – Schauspieler.

Auch die Dämonisierung der Staatssicherheit ist nur aus den heutigen Verteilungskämpfen heraus nachvollziehbar (der politisch gewollte Elitenaustausch in Ostdeutschland, Glücksversprechen, Aufstiegschancen für Eliten aus Westdeutschland). Die damit aufgegebene Rechtstaatlichkeit, scheint niemanden aufzuregen. Dass ohne Straftat betraft wird, Gruppenzugehörigkeit verfolgt wird, ist absurd und im Hinblick auf die deutsche Geschichte für nächste Generationen ein erneuter Aufarbeitungsauftrag um mehr Demokratie.

Manchmal habe ich schon gedacht, das die Macht der öffentlichen Nachrichtendienste sich selbst als Macht der Staatssicherheit beschreibt. Soviel zerstörende und inszenierende Kraft wie öffentliche Nachrichtendienste heute, hatte dieser mehr oder weniger geheime Nachrichtendienst nachweisbar niemals, denn schon die fehlende Öffentlichkeit hat die Macht beschnitten.

Heute finden wir unser Leben als  öffentliches Event, das Darstellung erfordert wieder oder es lohnt nicht die Worte. Darstellung im doppelten Sinn der Bedeutung ist alles. Daraus folgt die Macht der Inszenierung, ein Darsteller kann die Kraft der Inszenierung nicht sprengen, er oder sie kann nur abtreten, die Darstellung der Inszenierung läuft dann ohne den Spieler weiter.

Die Globalisierung vervielfacht die mediale Macht, Darstellung wird zum Dasein und hat für jeden Einzelnen Folgen. Staaten können wirtschaftlich erpresst werden, Personen verfolgt, durch Anerkennung oder Missachtung. Menschliches Zusammenleben wird ein Event. Man muss spielen, die Frage ist, was wird gespielt. Der Event der Rettung der chilenischen Bergleute war ein Schauspiel, in dem unsere Anteilnahme kalkuliert wurde, ein Kalkül, das uns erschrecken müsste, weil hier unsere Mitmenschlichkeit bis in die kleinste Regung kontrolliert werden soll und anderes verschwiegen wird. Das wäre das Gegenteil vom Leben als Spiel und Spiel als Leben, denn alles was lebbar ist, ist spielbar und alles was spielbar ist, ist lebbar.

 

Meine Liebe, ich umarme Dich, trotzalledem,

 

Gabriele

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