She’s still there with the Zombies (Oder: 45ypm)

Von Oliver Tepel

Es ist ja nicht so, als würde man heute „Woodstock“ gut 45 Jahre später, als seltsam schräges Histörchen vermarkten. Nein, trotz aller behaupteten Diszenz zum Hippietum strahlt aus einem großen Teil der dort vorgetragenen Musik immer noch eine unmittelbare Kraft, eine, an der Menschen teilhaben wollen.

Wenn man noch mal fünf Jahre weiter zurück geht, findet man in den Charts des Jahres 1964 Stücke, die heute immer noch begeistern, als cool gelten, auf Partys Menschen tanzen lassen oder dem Hörer ein Identifikationspotenzial bieten, welches nichts mit sentimentaler Verklärung, sondern Gefühlen im Hier und Jetzt zu tun hat. Nur deswegen konnte Amy Winehouse oder kann Duffy aktuell funktionieren.

1964: She Loves You – Beatles (USA), Can’t Buy Me Love – Beatles (USA), A Hard Day’s Night – Beatles, My Guy – Mary Wells, Where Did Our Love Go – Supremes, Baby Love – Supremes, Come See About Me – Supremes, Talking About My Baby – Impressions, Baby Don’t You Do It – Marvin Gaye, The Way You Do The Things You Do – Temptations, Live Wire – Martha & Vandellas, Dancing In The Streets – Martha & Vandellas, Anyone Who Had a Heart – Dionne Warwick, You Really Got Me – Kinks und She’s Not There – Zombies.

Nimmt man selbst solche Stücke dazu, die heute ein wenig veraltet klingen: You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ – Righteous Brothers, I Feel Fine – Beatles, Any Way You Want It – Dave Clark Five, Glad All Over – Dave Clark Five, Needles and Pins – Searchers, Dance, Dance, Dance – Beach Boys, Pretty Woman – Roy Orbison oder Cousin Of Mine – Sam Cooke, ja gar solche, die zu ihrer Zeit etwas veraltet schienen oder eine just vergangene Epoche markierten: Do Wah Diddy Diddy – Manfred Mann, Promised Land – Chuck Berry, Louie Louie – Kingsmen oder Viva Las Vegas – Elvis Presley, so entsteht eine ellenlange, beeindruckende Liste großartiger Evergreens. Und das war und ist keinesfalls immer so. Vielmehr erstaunt die Haltbarkeit dieser Musik, ihre Jahrzehnte überdauernde Modernität, vergleicht man sie mit einer Liste von Songs, die 1964 genau 45 Jahre alt waren. Man kann sich kaum vorstellen, dass damals junge Menschen auf einer hippen Party (ja nicht mal in einer Art von Retro-Gestus) besonders viel mit schönen Titeln wie „I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate“, „Oh By Jingo!“ oder „I’m Forever Blowing Bubbles“ anfangen konnten. Sie waren alt, uralt, Relikte der Zeit des Grammophons und des Broadway Entertainments.

Was lies sie altern? Sicher ihr augenzwinkernder Ton, der sie schon im Titel von den dramatischen Themen der Stücke anno 1964 abhebt. Die Musik überhöhte diese Dramatik noch, in Gesten harmonischer, rhythmischer und dissonanter Befreiung. Es ist das letzte Jahr, bevor die Intellektuellen kommen, und die Kraft dieser Musik in etwas ummünzen, das glaubt, die Welt aus den Fugen heben zu können. Wann jemals hatte Musik diese Möglichkeiten in sich getragen?

Interessant, dass die vielleicht intellektuellsten Töne in dieser Sammlung die deutlichsten Spuren von  Zeitlichkeit erkennen lassen. Als die Zombies auf der mit verführerischen Girls und spätbarocken Requisiten aufgepeppten  Bühne eines TV-Senders auftreten, blickt Komponist und Keyboarder Rod Argent mit herablassender Grimasse auf die Büste eines unbekannten Komponisten in Lockenperücke. Seine Miene sagt: „Na, hättest Du das auch hinbekommen?“ Die kontemplativ, triste Melodik der Strophen und der manieriert verzweifelte Aufschrei des Refrains, die plötzliche Steigerung des Tempos vor dem letzen Refrain, ja selbst der Harmoniegesang mit seinen gedehnten, halb dissonanten Vokalen, all das war in dieser Kombination völlig neu und ungehört. Der Text erzählt von der schmerzhaften Erinnerung an eine verschwundene Liebe, eine Romantik des Verlusts die sich in kleinen Details (Her voice was soft and cool – Her eyes were clear and bright) aufhält. Die Figur der Verschwundenen zieht im folgenden durch einige weitere Stücke. Im Entsetzen einer neuen, bedrohlichen Realität: Six O’Clock – The Lovin‘ Spoonful, als gebrochenes Herz eines zu Unbedarften: Katie’s Been Gone – Bob Dylan & The Band, in unsagbar verfeinerter Bitterkeit: Coming Back To Me – Jefferson Airplane, als ein Taumel zwischen Depression und Panik wie in: Have You Seen Her – The Chi-Lites oder auch als samtiger Schmerz für ein erwachsenes Publikum: The Most Beautiful Girl – Charlie Rich und am Ende dann in der trügerischen Sehnsucht eines fatalen Wunschdenkens: The Long And Winding Road – Beatles und Simple Twist Of Fate – Bob Dylan. Dann verschwindet diese Konstellation allmählich, verbleibt noch als Stil des Sentiments Charlie Richs bei einem erwachsen gewordenen Publikum (etwa in: If I Had It My Way – Kim Weston), doch sie verlässt die jugendliche Pop-Welt. Fast so, wie Lord Byron und die anderen Romantiker, ja am Ende selbst Françoise Sagan aus den Leselisten verschwanden.

Es gibt auch heute eine Idee dieser Sprache, auch dieser Empfindungen. Die alten Stücke berühren den Hörer, vielleicht sogar umso mehr im Schatten ihrer Abwesenheit. Doch ein kleiner Impuls, ein verräterischer Funke fragt: Was für eine Dramatik! Wofür? Tatsächlich kennt der aktuelle R&B noch Hass-Arien, in denen dem Verletzenden, Fremdgehenden und Verlassenden hinterher gebrüllt wird. In diesem Funken schimmert etwas vom Pathos imaginierter Todessehnsüchte in Stimmen, deren Tremologesang aber von enormer Lebensenergie kündet. Jene erwähnten kleinen Feinheiten der alten Geschichten, die nicht mal verrieten, was wirklich zwischen Ihr und Ihm war, sie sind verschwunden. Die Zombies waren die ersten großen Meister dieser Geschichte, ihnen gelang es sie mit einer aktuellen, sehr beweglichen Energie zu versehen. Rhythmisch wippen die Musiker im TV-Studio nach vorn und hinten, die psychedelischen Sounds der kommenden Jahre schon vorwegnehmend und in den Groove der verlorenen Seele einloggend. Hey, habt ihr sie gesehen? Wo ist sie? Ich irre hier rum. Sie hatte dieses wundervolle Haar und ihre Augen, ach, wenn ich von diesen Augen erzähle! In Wirklichkeit ist sie nicht weit gekommen, sie wollte gar nicht weit weg, wo sollte es auch noch viel besser werden als bei den Zombies? Sie ist da, ganz in der Nähe, Du kannst sie im Moment nicht sehen, aber sie wird auch viel später noch da sein, so in vier, fünf Jahrzehnten, ganz sicher.

So wie der „Royal Garden Blues“ aus dem Jahr 1919, welcher als eines der ersten Riff-geprägten Stücke des Dixieland Jazz unter Kennern und Liebhabern auch heute noch gespielt wird? Oder immer noch mit einer Direktheit des Empfindens? Vielleicht irgendwo dazwischen. Sicher aber sind diese Stücke des Jahres 1964 aus einer andern Substanz als das „Pokerface“ anno 2009. Diesem bleibt nur die Variation, die Variation einer Variation am Ende einer Geschichte die, wenn nicht 1954, so tatsächlich vor 45 Jahren begonnen hatte.

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