Teresa Keersmakers „Rosas“ bei der Ruhrtriennale 2016 und 2015

In den Wald von Arden lockt die belgische Choreografin uns in ihrem neuen Stück. Sie pickt aus William Shakespears Komödie „Wie es euch gefällt“ Textfragmente, die als aufgeladene Kristallisationspunkte für Bewegung unter den Protagonisten sorgen. Entlang der Dichterworte zeigen uns die Rosas betörende Pas de Deux von großer Zartheit, in Aggression umschlagnd kurz oder ausgreifend in einer  Spirale von Begegnungen und Fluchten. Eine Spirale der getanzten Empfindungen, in die uns dieses Körpertheater  hineinzieht. Wo hat man schon einmal auf der Bühne zwei Stunden „Tanz“ erlebt, der überwiegend ohne begleitende Musik auskam? Brian Enos eingespielter Song „Another green world“ bietett eingangs eine eindrucksvolle, nahezu hyptnotisierene akustische Kulisse im ansonsten leeren Raum der Jahrhunderthalle Bochum: In Reih und Glied schreiten uns die Rosas entgegen wie in einer Zeitlupen-Bewegung, Schritt für Schritt aus der Zeit heraus, die ja im Wald von Arden nicht existiert. Zuschauer und Tänzer sind aufgehoben in der Idee einer  zeitlosen Natur,  machen gemeinsam zauberhafte  Erkundungen, deren Pfade im Hern bleiben und im Herzen, für später, wenn alle die die Welt wieder hat.

 

Im Vorjahr schon ließ Keersmaeker dem einstmals industriell genutzen Raum seine eigene Erzählung. Die einstündige Performance über „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ blieb eingetanzt auf dem Lehmboden zurück: Keersmaeker und der Tänzer Micheal Pomero hinterließen ihre Spuren, und das Scheuern der Schuhe auf diesem Untergrund hing bis zur letzten Minute im Ohr wie die seltsamen, nie gehörten Töne, die Chryssi Dimitriou ihrer Querflöte eingangs entlockte, austrieb, aus ihr herauspresste. Nach einem kurzen Solo des Tänzers war auf zwei rückwärtigen wandhohenTafeln Stück für Stück der Anfang des Rilke-Textes zu lesen. Weiß auf Schwarz. Teresa de Keersmaeker betrat den Bühnenraum und fing an wie zu sich selbst diesen Text zu sprechen, versuchte sich die Dichter-Worte anzueignen und zeigte uns ihre Bemühung auch in fragmentarischen Gesten, Schrittfolgen, Drehungen. Wir waren nicht ihre Zuhörer, wir hörten nicht einen hinlänglich bekannten, durch Zitate in Kalendern wie auch Reclamausgaben für Soldatentournister missbrauchten Text. Wir sahen einer Künstlerin bei der Verfertigung ihrer Gedanken über den Cornet zu. In ihrer unbedingten Hingabe und Strenge berührte die Tänzerin und hinterließ uns mit elektrisiertem Hirn aber ein wenig ratlos.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.