Steinkind – Wolfskuhlen

Wandbemalung im Schloss

In der Woche, als die Mirabellen gelb wurden, ist mir ein Wort zugefallen. Keine Erinnerung an eine vor langem durchwanderte Textlandschaft sondern zugelaufen wie ein Wildling, eine ganz und gar fremde Kreatur. Vielleicht hängt es zusammen mit diesen herrlichen Früchtchen, die wir Kinder einst mit meine Großmutter aus der Wiese auflasen und in ihrer Schürze sammelten. Sie dufteten so fein-süß, und kaute man auf der Schale, entwickelte sich eine säuerlich-herbe Note. In diesen Augusttagen trug der alte Mirabellenbaum üppig, und ich ernährte mich hauptsächlich   von den kleinen runden Früchten. Ich schaute sie mir an in ihren Unterschiedlichkeiten, inhalierte ihren Duft und steckte mir dann Pflaume um Pflaume in den Mund. Beim leisesten Zungendruck platzen sie und überschwemmten die Geschmacksknospen mit Glückseligkeit. Der kleine, glatte Kern schien der Fruchtform nachgeahmt, und ich lutschte mit Vergnügen darauf herum. Hängte sich mir „Steinkind“ an, weil ich oft einen solchen kleinen Stein im Mund hatte? Es gehörte nicht in meinen Wort-Schatz, ja ich wusste nicht einmal, ob es eine poetische Erfindung war oder ein Dingwort für ein Ding in dieser Welt, das ich bisher nicht kannte.

„Steinkind“ streunte zuerst an den Rändern meiner Gedanken, die gerade um die Revision einer 16mm-Films kreisten, den der Zeit-Gletscher gerade wieder freigab.

Als ich dann nachlas, dass „Steinkind“ ein im Mutterleib versteinerter Fötus ist, in der Größe zwischen Kern und Ei schwankend, lag die Analogie nah: Der Film selbst war das Steinkind, das verhinderte Leben, das die Poesie zum Leben erwecken könnte.

Nun nehme ich mir den Film „Wolfskuhlen“ Einstellung für Einstellung vor und versuche, dem einstigen inneren Antrieb nachzuspüren und mit meinem aktuellen Standpunkt abzugleichen. Was wird verworfen? Was hat Bestand, was wird transformiert, welche Ergänzungen sind nötig in Bild, Sprache, Ton? Diesen Prozeß möchte ich dokumentieren.

 

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