Verwünschung und ironischer Zufall

Spiegelung vor der Miniatur-Eisenbahn im Bahnhof

Die altmodische Ästhetik des analogen Filmmaterials begeistert mich wieder. Nach der ersten Sichtung seit Jahren weiß ich einmal mehr: Ganz im Gegensatz zu den gestochen scharfen Bildern und der hochgezogenen Farbigkeit der Digitalfilme, die mir oft aggressiv perfekt vorkommen, freuen mich die milde Auflösung und sanften Farben meines 30 Jahre alten analogen Films. Schon um diese Schönheit zu erhalten, werde ich meinen einstigen Plot auftrennen und versuchen, eine andere Struktur zu finden, die für mich heute gültig ist.

Meine Protagonisten begegnen sich zufällig in der Abgeschiedenheit des verwunschenen Schlosses Wolfskuhlen, das wohl immer schon mehr Schein als Sein war, von einem niederrheinischen Landadeligen errichtet, dessen Nachfahren heute einen benachbarten Bauernhof bewirtschaften. Mittendrin im Irgendwo zwischen Getreidefeldern und Wald, überragte es unpassend, protzig die Landschaft. Umgeben von einem Wassergraben wie sie ältere Trutzburgen vor Angreifern schützten. Die Soldaten der Grand Armee waren wohl die letzten Feinde, die in diesem Landstrich Angst und Schrecken verbreiteten. Die Besatzungssoldaten der Alliierten rumpelten erst rund 150 Jahre später in ihren Panzern über die Landstraße. Wie lang schon sitzt der große Nachen auf dem Grund des ausgetrockneten Grabens? Verschmolzen mit unzähligen Schichten von Laub, das aus den riesig aufgewachsenen Buchen herabrieselte von Jahrzeht zu Jahrzehnt.

Diesen Wald mit hoch aufragenden Nadelbäumen und einem so dichten Unterholz, dass Dämmerlicht herrschte. Keine Vogelstimme vernehmbar. Im Bann einer Kraft, die uns Eindringlingen während der Dreharbeiten nicht wohlgesonnen schien. In den Räumen und langen Fluren des Schlossgebäudes webt etwas nicht zu Benennendes, das Gänsehaut erzeugt. Dieser Ort ist Zielpunkt der beiden Protagonisten, und sie stoßen aufeinander. Das ist eine ironisch konstruierte Unwahrscheinlichkeit, die ja als Kern der Novelle gilt.

Die Pararellmontage des Beginns suggeriert – ganz gemäß filmsemiologischer Grundsätze, mit denen mein verehrter Jean-Luc Godard so genial spielt (e) – dass Sie und Er unterwegs sind, und aufeinander zufahren. Ich könnte mir vorstellen, dass in die Einzeleinstellung des Profilporträts, das sich durch die Landschaft bewegt, Bilder der Ankunft hineingeschnitten werden, quasi in Gedanken vorweggenommen und gerafft: Sie, die über eine Mauer steigt, um auf das eingezäunte Gelände zu gelangen, er, der das Vorhängeschloss am Gittertor aufreißt.

Wir wissen von den Spielfiguren nichts, sie sind ohne Geschichte, Rollenträger, denen ich einen Dialog über den Zustand der Welt in den Mund legte, der mir heute nachgerade peinlich ist. Diese Sprache werde ich Ihnen nun ersparen und einen Text, den ich noch zu schreiben habe, schon von Anfang an aus dem Off unterlegen. In der Mitte des Films schlüpfen die beiden Schauspieler in die Rollen von Marat und Sade in Peter Weiss’ Drama Marart/Sade (Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade) Diese Spielszenen bleiben erhalten.

 

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