Bezaubernde „Haut- und Knochenbauten“

Architektonische Transparenz pur am Beispiel von Haus Lange. Die Mechanik der versenkbaren Fenster demonstrierte Architekt Klaus Reymann im Rahmen einer Führung durch den Vorzeigebau des modernen Baustils, der nach Entwürfen Mies van der Rohes 1929 / 30  in Krefeld errichtet wurde. Mies Geburtstag jährt sich am 27. März zum 125. Mal.
Architektonische Transparenz pur am Beispiel von Haus Lange. Die Mechanik der versenkbaren Fenster demonstrierte Architekt Klaus Reymann im Rahmen einer Führung durch den Vorzeigebau des modernen Baustils, der nach Entwürfen Mies van der Rohes 1929 / 30 in Krefeld errichtet wurde. Mies Geburtstag jährt sich am 27. März zum 125. Mal.

Mies van Rohe wurde am 27. März vor 125 Jahren geboren: Seine Bauten sind jung geblieben
 
Haus Lange wurde dicht gemacht. Mit dieser so originellen wie simplen Maßnahme antwortete der amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari iim Sommer 2009 auf den wegen seiner Offenheit und Transparenz vielgerühmten „International Style“ Mies van der Rohes. Was bleibt vom Innenraum, wenn die vielfachen visuellen Bezüge zur Umgebung, die durch große Fensterflächen dem Haus zufallen, unterbunden werden?
Mies van der Rohe, als Erfinder des „Neuen Bauens“ einflussreichster Architekt des 20. Jahrhunderts neben Le Corbusier, erlebt in den letzten Jahren seine Wiedereingliederung in die Baugeschichte. Der einzigartige Neuerer bietet nämlich Neotraditionalisten und deren Retro-Architektur mit seinen frühen traditionalistischen und materialverliebten Berliner Landhäusern eine willkommene Rechtfertigung für die Wiedereinführung architektonischer Konventionen. Von jenem frühen Schaffen, angeregt von Karl-Friedrich Schinkel, Peter Behrens und Hendrik Petrus Berlage, wollte der radikale Neuerer später nichts mehr wissen. Ebenso wenig wie von den Idealen des Bauhauses, das er doch von 1930 bis zu seiner Schließung 1933 geleitet hatte. Lieber kehrte er den genialen, aus sich heraus schöpfenden Meisterarchitekten heraus.
Krefeld verfügt über vier herausragende Beispiele der weltberühmten „Haut- und Knochenarchitektur“ Mies van der Rohes: die beiden Villen Haus Esters und Haus Lange, errichtet zwischen 1928 und 1930, sowie das HE-Gebäude der Vereinigten Seidenwebereien (VerseidAg) und die nach seinen Plänen gebaute Sheddachhalle der Färberei (1931).
Josef Esters und Hermann Lange, die beiden VerSeidAg-Direktoren, waren mit Mies van der Rohe befreundet und bewunderten dessen Bruch mit Historismus und Formalismus. Seine Suche nach logischen Strukturen und Sachlichkeit in der Architektur sowie sein Streben nach materialgerechtem Bauen veranlasste sie, ihn mit dem Bau ihrer Wohnhäuser auf benachbarten Grundstücken zu beauftragen. Des Architekten Utopie: Die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft sollte mit Mitteln der Gestaltung beherrschbar werden und in der Anwendung industrieller Produkte zum Ausdruck kommen. Schon fünf Jahre war es her, dass Mies van der Rohe sein „Neues Bauen“ theoretisch formuliert hatte, als er die Stahlskelettbauten an der Wilhelmshofallee in Angriff nahm.
1930 verwirklichte er in Krefeld auch seinen einzigen Industriebau aus Stahl, Glas und Beton. Seine Krefelder Hinterlassenschaften überstanden die Bombenstürme des zweiten Weltkriegs. Haus Lange, dessen Besitzer Kunst sammelte, wurde seit 1955 als Museum umgenutzt und ging 1968 in den Besitz der Stadt über. 1976 erhielt die Kommune auch Haus Esters und veranstaltete in den Räumen fortan Ausstellungen. Die Architekturpreziosen wurden, scheint es, nicht sonderlich geschätzt und unzureichend gepflegt. Reparaturen wurden solange aufgeschoben, bis die Bausubstanz schwer geschädigt war. Sogar der Abriss soll damals erwogen worden sein.
Wer weiß, was geschehen wäre, hätte sich nicht der umtriebige Krefelder Architekt Klaus Reymann für die Bauten eingesetzt. Er brachte die Baudenkmal-Stiftung auf den Weg, erfasste die Schäden an den Gebäuden und rührte die Spendentrommel. Die Stadt hatte nämlich nur 160 000 Mark in ihrem Säckel, und um auf 20 Prozent der auf 4,5 Millionen Mark veranschlagten Restaurierungskosten zu kommen, mussten 740 000 Mark gesammelt werden. 1997 bewilligte das Land NRW den 80-prozentigen Zuschuss, und 1998, vor elf Jahren also, begann die Restaurierung von Haus Esters und Haus Lange. Reymann hatte Baupläne studiert, Materialproben von den Bauten analysiert und betreute schließlich die Restaurierung – unentgeltlich. Oberstes Prinzip: die Sicherung der historischen Bausubstanz. Zwei Jahren dauerten die Arbeiten, und zum Abschluss dokumentierte eine Ausstellung im Haus Lange das gesamte Vorhaben.
Die Stadt ist heute stolz auf das viel besuchte Architekturensemble inmitten weitläufiger Parkanlagen, die im Rahmen der „Euroga 2002plus“ wiederhergestellt wurden. Die Häuser stehen unter Denkmalschutz – im Unterschied zum VerSeidAg-Bau, van der Rohes einzigem Industriegebäude, das modellhaft seine grundlegend neuen Ideen verkörpert. Behutsam ergänzte Erich Holthoff die anderen Gebäude in der Manier des großen Vorbilds. „Das gesamte Ensemble gehört unbedingt unter Denkmalschutz“, empfiehlt Professor Dr. Roland Günter auf der Website baukunst nrw.

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