Transparent geschrieben

Die Freifrau von Wendelstadt neben Julie von Degenfeldt und deren Tochter.

Das Fremdenbuch liegt aufgeschlagen vor mir. Ich werde jedenfalls etwas hineinschreiben. Sei es was es sei. Ich muß ja nicht dichten. Der Hausherr war ja so nett zu sagen: er begreife das vollkommen. Nur wach bleiben muß ich auf jeden Fall; nicht mich zurücklehnen, sondern steif sitzen bleiben und sofort hineinschreiben. Dazu liegt das Fremdenbuch ja eben da. Ganz ähnlich erwartungsvoll und unangenehm liegt es da wie die alte Löwin, die so oft gähnte, auf der Chaiselongue im großen Salon des Palais Harrach, der ich befohlen war, meine Gedichte vorzulesen und von der ich wußte: sobald meine Gedichte anfingen, sie zu langweilen so würde sie mich fressen. Aber das ist ja ein alter dummer Traum, den ich vor vielen Jahren geträumt habe. Warum fällt mir denn nur der alte Traum jetzt ein? Das ist immer ein Zeichen von Schläfrigkeit wenn einem alte Träume einfallen. Wenn man nicht einschlafen kann, wünscht man sich das sosehr, aber dann kommt es nie. Und wenn man nicht einschlafen will, dann geht es gerade umgekehrt. Da muß man sich einfach aufrütteln: es handelt sich darum etwas ins Fremdenbuch zu schreiben. Der Hausherr – sonderbar daß mir in diesem Augenblick nicht einfällt, wie er aussieht, aber da steht er ja, fünf Schritte von mir, und bläst in die Holzkohlen, um mir Thee zu machen, und weil er über die Kohlen gebückt ist, kann ich sein Gesicht nicht sehen, aber dafür sehe ich das andere Gesicht, dieses große weiße, ein kreideweißes Gesicht. Ach, das ist ja das aufgeschlagene Fremdenbuch! Fremdenbuch? Wer spricht da von Fremdenbuch? Das Gesicht ist doch die Baronin Meyendorff aus Weimar, eben ist sie hereingetreten und prompt hat auch jemand in einer Ecke gesagt: ‚Oh! C’était une grande amie de Liszt. Aber wie kommt sie hier her, und warum setzt sie sich so nahe zu mir, und was will sie von mir? Jetzt spricht sie ja! Aber es klingt ganz aus den Weiten, obwohl ihr weißes Gesicht dicht vor mir ist. ‚Sie sind also der wirkliche Dichter‘? sagt sie, und bevor ich etwas erwidern kann, setzt sie mit einem große Air hinzu: ‚Der erste Kutscher hat mir viel von Ihnen gesprochen‘ und ich fühle, daß ich jetzt lanciert bin, daß meine Position enorm werden kann, daß ich aber jetzt sofort etwas ins Fremdenbuch dichten muß, was im gleichen Augenblick, wo ich es dichte, als Transparent vor den Augen aller dieser Leute erscheinen wird. Denn wir sind in der Neujahrsnacht und alles wird in Transparent geschrieben und durch Scheinwerfer nach Hinterhör geworfen, damit die Hühner von Ottonie am geistigen Leben Anteil nehmen können. Denn sie haben sich bei der Bibiana beschwert, daß sie das Vorabendblatt der Münchner Neuesten immer erst am nächsten Nachmittag zu Gesicht bekommen. Meine Verlegenheit ist wirklich enorm, denn ich weiß, daß das was in mir dichtet, mir im Augenblick abhanden gekommen ist, d.h. ich habe es verlegt oder verloren aber nicht auf gewöhnliche Weise, sondern das alles hängt mit der Jahreszeit und der Landschaft zusammen, es ist sozusagen eingefroren, es kann nicht heraus. Ein wirklicher Dichter, sage ich mir und freue mich über das aperçu, ist eben zugleich da und nicht da. Ein wirklicher, ein wirklicher geheimer, ich muß es aber sofort wieder werden, und dazu gibt es ja ein einfaches Mittel ich muß bloß mit Julie im Park spazierengehen, da wird man im Augenblick ein wirklicher geheimer – Warum sage ich eigentlich Julie? Ich kenne sie doch gar nicht so gut. Aber ganz einfach, weil ich sie charmant finde. Diese Motivierung gibt mir innerlich einen kleinen Ruck, wie wenn der Lift plötzlich stehen bleibt und ich bin ganz nahe daran, aufzumachen. Aber ich bin gleich wieder drin und ich weiß daß es sich einfach darum handelt, mit Julie im Park spazierenzugehen. Dazu muß natürlich Frühling sein, aber den herbeizuschaffen ist ja keine Kunst: man setzt sich in den Lift, schließt die äußere Tür, dann die innere und drückt auf den Knopf: der Lift ist Zeitautomat. Ich kann in den Frühling hinausfahren. Wenn ich bei ‚Zwischengeschoß‘ drücken würde, so bliebe er beim 11ten Februar stehen, wo auf der sonnigen Stelle beim Eingang der Wolfsschlucht alles voll Himmelsschlüssel und Leberblümchen steht. Ich drücke aber bei ‚Parterre‘ und sehe direct in den vollen Frühling. Der Frühling ist auch da, aber Julie ist nicht da. Ich suche sie hinter den Bäumen, unter den bemoosten Steinen, sie ist nicht da. Ich bin nicht würdig, mit ihr spazierenzugehen. Da fällt mir auch gleich ein, was ich angestellt habe: ich habe vergessen, im Lift das Licht auszudrehen. Ich laufe zurück und drehe ab, allein davon wird es doppelt so hell. Der Lift rast mit mir nach oben und stößt an. Ich bin wach: auf dem Tisch unter der Lampe, die mir in die Augen scheint, liegt das Fremdenbuch, kreideweiß und wartend.

(Hugo von Hofmannsthal, Eintrag vom 1. Januar 1909 im Gästebuch von Schloss Neubeuern)

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